Man muss die Straße machen

Das Tote Kapital & Gerald Fiebig: Man muss die Straße machen

Ursendung/First broadcast: Radiophrenia Glasgow, 2019-05-22

Komposition & Realisation/composed & realised by: Johannes Engstler, Gerald Fiebig, Markus Joppich

Tontechnik/engineering: Johannes Engstler

Johannes Engstler: Schlagzeug, Fieldrecordings / drums, field recordings

Gerald Fiebig: Objekte, Fieldrecordings / objects, field recordings

Markus Joppich: Gitarre / guitar

The sounds used in this piece narrate the process of its own making. Improvising duo Das Tote Kapital and sonic artist Fiebig arranged a two-day studio session for combining their diverse approaches to sound in a joint experiment. Fiebig recorded his train trip to the studio, while Johannes Engstler recorded the surroundings of his studio in an old farmhouse. The middle part of the piece, a recording of Engstler chopping firewood, became the basis for a trio improvisation by Engstler on drums, Markus Joppich on guitar, and Fiebig on objects. The title is from an overheard conversation on the train.

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Johannes Engstler und Gerald Fiebig verabreden sich zu einer dreitägigen Arbeitsphase in Engstlers Studio. Beide arbeiten einerseits im Bereich der freien Live-Improvisation – Engstler als Schlagzeuger im Duo Das Tote Kapital mit Markus Joppich, Fiebig mit wechselnden Klangerzeugern in diversen Duo- und Triokonstellationen –, komponieren aber auch jeweils alleine Songs bzw. Audioarbeiten im Studio-Mehrspurverfahren. Mit dem gezielt herbeigeführten „Aufnahmezustand“ (Mauricio Kagel) wollen sie Folgendes herausfinden: Lassen sich die durchaus unterschiedlichen Arbeitsweisen von Live-Improvisation und Studiokomposition sinnvoll miteinander verbinden? Und welchen ästhetischen Eigenwert haben dabei das Studio bzw. die verwendeten Mikrofone und Aufnahmemedien? Im Studio soll das lineare Spur-für-Spur-Aufnehmen auf Tonband, bei dem es im Vergleich zur digitalen Arbeitsweise sehr viel aufwendiger ist, innerhalb des zeitlichen Rahmens einer Komposition zu springen, zu löschen, einzufügen usw., kompositorische Entscheidungen forcieren, wie sie beim Improvisieren in Echtzeit getroffen werden müssen. Die Wahl des Mediums dient also der Annäherung des Aufnahmeprozesses an den Improvisationsprozess. Indem sie analoge und digitale Aufnahmen unterschiedlichster technischer Qualität bewusst mischen, die Heterogenität des Klangbilds also als Palette von „Klangfarben“ kompositorisch nutzen, dekonstruieren die Autoren auch die Vorstellung des eindeutig „guten“ Studioklangs. Sie lenken somit den Fokus darauf, dass das verwendete Medium den Klang einer Komposition immer mitdeterminiert. Inhaltlich thematisieren die Aufnahmen, die Engstler und Fiebig ins Studio mitbringen, den räumlichen bzw. lebensweltlichen Kontext ihrer Arbeit. Im Fall von Fiebig sind das Aufnahmen seiner Bahnreise zu Engstlers Studio, im Fall von Engstler sind es Geräusche, die mit der Bewirtschaftung des alten Bauernhauses zu tun haben, in dem er sein Studio eingerichtet hat (Traktor, Brennholzschlagen, Hühnerfüttern). In Anlehnung an Robert Morris’ wegweisende Klangskulptur Box with the Sound of Its Own Making wird hier also eine Tape Composition With the Sound of Its Own Making angestrebt. Aus der Sichtung der Aufnahmen und dem Herstellen von inhaltlichen und formalen Bezügen innerhalb des Materials baut sich sukzessive die kompositorische Struktur des Stücks auf.

Phase 1 (0:00 bis 1:41)
Das Stück beginnt mit der unbearbeiteten Aufnahme vom Anlassen und Warmlaufen des Traktors, der in der Scheune direkt neben dem Studio (im ehemaligen Kuhstall) parkt. Die offensichtliche thematische Assoziation vom „Starten“ der Maschine mit dem Beginn des Stücks erschließt sich sofort, auch wenn man nicht erkennt, was für eine Maschine es ist. Die anderen strukturellen Funktionen der Aufnahme ergeben sich erst im Zurückerinnern (lat. recordari!) an dieses Geräusch aus der Perspektive von Phase 2 und Phase 4.

Phase 2 (1:42 bis 6:45)
Das erste Geräusch, das man in dieser Phase hört, ist eine nicht richtig schließende Tür in einem Regionalzug. Aufgrund der Aufnahme ist sie im Vergleich zu dem vorher gehörten Traktor unerwartet laut (vor dem Hintergrund der konventionellen Erwartungshaltung, dass Maschinengeräusche immer als besonders „laut“ und „lärmig“ empfunden werden müssten, wirkt der Traktor rückblickend geradezu gedämpft – die Technik wird gegen den Strich der „realistischen“ Hörerwartungen gebürstet). Im Fortgang der Sequenz mit O-Tönen von der Zugfahrt wartet das Stück sowohl auf der sprachlich-narrativen wie auf der klanglich-musikalischen Ebene mit einigen besonders prägnanten Sounds of Its Own Making auf: 1. dem Kauf einer Plastikflasche mit Wasser und eines Schokoriegels in einer stark raschelnden Plastikverpackung durch einen der Autoren, und 2. dem Würfelspiel einer Familie im selben Großraumabteil, aus dem neben dem immer wiederkehrenden Geräusch der Würfel auf der Tischplatte vor allem der Satz hervortritt, der dem Stück seinen Titel gibt: „Man muss die Straße machen“. Im Kontext der Komposition liest sich der Satz wie ein Kommentar zu der selbst auferlegten Linearität des Arbeitens mit analogen Spuren bzw. Tracks – beides Begriffe, die im selben semantischen Feld liegen wie „Straße“.

Phase 3 (6:46 bis 18:44)
Das Singen der Kinder am Ende von Phase 3 hat es bereits vorbereitet: In dieser Phase tauchen auch musikalische Strukturen im engeren Sinne auf. Das Tote Kapital und Gerald Fiebig improvisieren gemeinsam einen ungeschnittenen Live-Take aufs Tonband. Auf dieses Band wurde vorher bereits ein O-Ton vom Holzschlagen aufgenommen, den sich die Improvisatoren vor ihrer Einspielung angehört haben. Beim Live-Take spielen sie darüber aber nicht nach dem Kopfhörer, sondern nur nach der Uhr und nach dem Erinnern (lat. recordari). Vorgabe für die Improvisation ist also: so viel Stille wie möglich in der Musik zu lassen, damit die perkussiven Impulse aus der „unter“ der Instrumentalspur liegenden O-Ton-Spur des Holzschlagens sich in die Musik einfügen können. Während Engstler und Joppich in Instrumentierung und/oder Spielweise die perkussiven Akzente des parallel laufenden O-Tons aufgreifen, zitiert Fiebigs Spiel mit Würfeln, Plastikfolien, der im Zug gekauften Plastikflasche und einem Plastikeimer mit Hühnerfutter Geräusche aus den Fieldrecordings von Phase 2 und Phase 4. Damit bildet Phase 3 nicht nur die motivische Brücke zwischen Phase 2 und Phase 4, sondern löst auch die Grenze zwischen Tonbandkomposition und Instrumentalimprovisation auf. Die Phase endet mit Johannes Engstlers Satz „Mach mal aus“, der die Aufnahmesituation in mehrfacher Weise kommentiert. Einerseits wird deutlich, dass eine Aufnahme – wie Sprache – nie ohne ein Gegenüber, eine Hörer_in, zu denken ist, die hier direkt angesprochen wird. Andererseits ergibt sich die Situation, dass die Komposition die Materialität ihres Ausgangsmaterials (ironisch) thematisiert. Die Anweisung, die in dem Satz steckt, führt nämlich prompt zu einer Reaktion, aber einer paradoxen. Zwar wird die Aufnahme von Phase 3 „abgeschaltet“, eine andere wird hingegen eingeschaltet – und diese bildet Phase 4 des Stücks.

Phase 4 (18:45 bis 22:25)
Diese O-Ton-Passage, die wie Phase 1 aus dem unmittelbaren Studioumfeld stammt und während der drei Aufnahmetage entstand, kulminiert im Geräusch eines Huhns, dessen Rhythmus und Akzentuierung das Traktorengeräusch ins Gedächtnis ruft, mit dem das Stück begann. Damit schließt sich nicht nur auf der hörbaren Ebene der Kreis der Komposition, sondern auch auf der konzeptionellen: Maschine und Natur werden in ein akustisches Äquivalenzverhältnis gesetzt, was wiederum die Synthese von intuitiver Improvisation und konstruierter Tonbandmontage im Kompositionsprozess des Stücks widerspiegelt.

23 Minutes for Recorder and Recorder

festival_2018_-plakat

„23 Minutes for Recorder and Recorder“
von Elisabeth Haselberger und Gerald Fiebig
sind eine Version eines Stücks aus ihrem Zyklus „Recordari“.

https://recorderrecorder.wordpress.com/

„23 Minutes for Recorder and Recorder“ erarbeiten Haselberger und Fiebig auf der Basis von „Recordari #1“. Wir reisen von unterschiedlichen Orten (Ulm und Augsburg) zur Aufführung in München an. Daher sind die Klänge auf dem Weg zur Aufführung für uns Teil der „äußeren Umgebung des Aufführungsorts“. Elisabeth Haselberger berichtet auf akustische Weise über ihre Anreise von Ulm nach München – was nicht nur die quasi programmmusikalische Abbildung von Umweltgeräuschen meint. Die „Reise“ zur Aufführung kann auch interpretiert werden als der geistige und instrumentaltechnische Vorbereitungsprozess – sodass alles, was auf der Bühne erklingt, ein „Ergebnisbericht“ über diese Reise ist.

Gerald Fiebig hat mit seinem Recorder eine lange Aufnahme (1 Stunde 20 Minuten) seiner Zugfahrt von Augsburg nach München gemacht und eine kurze (ca. 3 Minuten), wie er in München von der U-Bahn-Station zu seinem Zielort läuft. Jede dieser Aufnahmen wurde auf genau 23 Minuten gestaucht bzw. gedehnt. Diese beiden Varianten vom Recorder relativierter Zeit dienen ihm als Instrumentarium.

Die Beschäftigung mit Textpartituren wie dieser wirft auch Fragen nach dem Wert von musikalischer Zeit als Arbeitszeit auf. Wie viel Zeit muss investiert werden, um aus der Partitur eine gelingende Aufführung zu machen? Diese Frage stellt sich selbstverständlich bei jeder Partitur: jedes Stück muss ja analysiert und dann geprobt werden. Die Frage verschärft sich allerdings nochmals bei Partituren, die sehr viel Kompositionsaufwand vom „offiziellen“ Komponisten an den Interpreten oder die Interpretin delegieren. Bei vielen „inderminierten“ Stücken oder „Number Pieces“ von John Cage ist es z.B. realistisch anzunehmen, dass sie viel schneller geschrieben wurden, als die Vorbereitung für eine Aufführung dauert. Allzu häufig schlägt sich das nicht in einer angemessenen Würdigung der Interpret*innen nieder. Das bezieht sich nicht nur auf deren Honorierung. Es geht auch um die Frage: Wer kann hier eigentlich mit Recht in Anspruch nehmen, der Komponist oder die Komponistin zu sein? Mit der Münchner Aufführung von „23 Minutes for Recorder and Recorder“ sind wir in der glücklichen Lage, als Composer-Performer beide Rollen verbinden zu können. Das Konzept von „Recordari“ bietet seinen Interpret*innen (die wir ausdrücklich als Ko-Komponist*innen sehen und die als solche auch immer genannt werden sollen) aber bewusst sehr breite Auslegungsmöglichkeiten, wie eine Aufführung vorzubereiten ist. Man kann die Texte von „Recordari“ als Grundlage für eine gelenkte Improvisation ohne jede weitere Vorbereitung verwenden oder nach ihrer Vorgabe komplexe ausnotierte Kompositionen erstellen.

Welche Variante sie wählen ­ also eben auch: wie viel Zeit sie in die Erarbeitung einer bestimmten Menge musikalischer Zeit investieren – können die künftigen Verwender*innen von „Recordari“ auch davon abhängig machen, mit welchen finanziellen Rahmenbedingungen sie für diese musikalische Zeit wirtschaften müssen.

If, Bwana / Sustained Development / elektrojudas / EMERGE: Crossgrained

The three solo tracks performed by If, Bwana on this live recording are based on sounds played on the bassoon, flute, and guitar and make a wonderful introduction to his work with layered, pitch-shifted acoustic instruments. This stuff is among the best you can get in contemporary drone music – rich in texture, sensuous, emotional, and still abstract enough to “clear the mind.” On another two tracks, If, Bwana is joined by his local support group at this July 2012 gig in Germany for an unlikely but happy marriage of his layered sound textures, 50 Hz hum, and lots of electroacoustic sound gadgetry.

Supporting If, Bwana at his concert in Augsburg, Germany on 4 July 2012, local artists Sustained Development aka Gerald Fiebig, elektrojudas, and EMERGE teamed up for a free improvised set using sampled bass guitars, miked-up wave drums and induction coils, monotrons, and smartphone apps, also documented on this 2 CD set. Another two tracks resulted from the trio joining If, Bwana for a demonstration of the possibilities of experimental music, which are endless provided they are approached in an open-minded way. In this case, two very distinct idioms – calm, contemplative drones and fidgety, highly interactive glitch/noise improvisation – fuse perfectly thanks to the alertness of the players.