23 Minutes for Recorder and Recorder

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„23 Minutes for Recorder and Recorder“
von Elisabeth Haselberger und Gerald Fiebig
sind eine Version eines Stücks aus ihrem Zyklus „Recordari“.

https://recorderrecorder.wordpress.com/

„23 Minutes for Recorder and Recorder“ erarbeiten Haselberger und Fiebig auf der Basis von „Recordari #1“. Wir reisen von unterschiedlichen Orten (Ulm und Augsburg) zur Aufführung in München an. Daher sind die Klänge auf dem Weg zur Aufführung für uns Teil der „äußeren Umgebung des Aufführungsorts“. Elisabeth Haselberger berichtet auf akustische Weise über ihre Anreise von Ulm nach München – was nicht nur die quasi programmmusikalische Abbildung von Umweltgeräuschen meint. Die „Reise“ zur Aufführung kann auch interpretiert werden als der geistige und instrumentaltechnische Vorbereitungsprozess – sodass alles, was auf der Bühne erklingt, ein „Ergebnisbericht“ über diese Reise ist.

Gerald Fiebig hat mit seinem Recorder eine lange Aufnahme (1 Stunde 20 Minuten) seiner Zugfahrt von Augsburg nach München gemacht und eine kurze (ca. 3 Minuten), wie er in München von der U-Bahn-Station zu seinem Zielort läuft. Jede dieser Aufnahmen wurde auf genau 23 Minuten gestaucht bzw. gedehnt. Diese beiden Varianten vom Recorder relativierter Zeit dienen ihm als Instrumentarium.

Die Beschäftigung mit Textpartituren wie dieser wirft auch Fragen nach dem Wert von musikalischer Zeit als Arbeitszeit auf. Wie viel Zeit muss investiert werden, um aus der Partitur eine gelingende Aufführung zu machen? Diese Frage stellt sich selbstverständlich bei jeder Partitur: jedes Stück muss ja analysiert und dann geprobt werden. Die Frage verschärft sich allerdings nochmals bei Partituren, die sehr viel Kompositionsaufwand vom „offiziellen“ Komponisten an den Interpreten oder die Interpretin delegieren. Bei vielen „inderminierten“ Stücken oder „Number Pieces“ von John Cage ist es z.B. realistisch anzunehmen, dass sie viel schneller geschrieben wurden, als die Vorbereitung für eine Aufführung dauert. Allzu häufig schlägt sich das nicht in einer angemessenen Würdigung der Interpret*innen nieder. Das bezieht sich nicht nur auf deren Honorierung. Es geht auch um die Frage: Wer kann hier eigentlich mit Recht in Anspruch nehmen, der Komponist oder die Komponistin zu sein? Mit der Münchner Aufführung von „23 Minutes for Recorder and Recorder“ sind wir in der glücklichen Lage, als Composer-Performer beide Rollen verbinden zu können. Das Konzept von „Recordari“ bietet seinen Interpret*innen (die wir ausdrücklich als Ko-Komponist*innen sehen und die als solche auch immer genannt werden sollen) aber bewusst sehr breite Auslegungsmöglichkeiten, wie eine Aufführung vorzubereiten ist. Man kann die Texte von „Recordari“ als Grundlage für eine gelenkte Improvisation ohne jede weitere Vorbereitung verwenden oder nach ihrer Vorgabe komplexe ausnotierte Kompositionen erstellen.

Welche Variante sie wählen ­ also eben auch: wie viel Zeit sie in die Erarbeitung einer bestimmten Menge musikalischer Zeit investieren – können die künftigen Verwender*innen von „Recordari“ auch davon abhängig machen, mit welchen finanziellen Rahmenbedingungen sie für diese musikalische Zeit wirtschaften müssen.

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Recorder? Recorder! (Konzert mit Elisabeth Haselberger)

haselberger

Samstag, 15. September 2018, 19:00 Uhr – Aegis Literatur Buchhandlung, Ulm

Elisabeth Haselberger: Blockflöten & Recorder
Gerald Fiebig: Recorder & Elektronik

Gerald Fiebig/Elisabeth Haselberger
Recordari #2 for Recorder and Recorder (2018, UA)
Spielanweisung: „Benutzen Sie einen recorder, um ein konkretes politisches Ereignis akustisch wiederzugeben, bei dem Sie anwesend waren, z.B. eine Demonstration […] Benutzen Sie einen recorder, um Ihre Haltung bzgl. der Situation oder der dort formulierten Ansichten auszudrücken.“
Aufnahme: Gerald Fiebig (Demonstration gegen neues bayerisches Polizeiaufgabengesetz, Marienplatz, München, 10. Mai 2018).
Die Vorbereitung der Uraufführung von „Recordari #2“ wurde ermöglicht durch einen Arbeitsaufenthalt im Kunstort ELEVEN Artspace, Starzach-Börstingen.

Gerald Fiebig/Elisabeth Haselberger
Recordari #1 for Recorder and Recorder (2018, UA)
Teil 1 bis 3
Spielanweisung: „Benutzen Sie einen recorder, um die akustische Umgebung des Aufführungsortes an den Aufführungsort zu versetzen. Benutzen Sie bei der Aufführungen einen recorder, um Ihren Weg zum Aufführungsort (ganz oder teilweise) auf akustische Weise nachzuerzählen.“
Aufnahme: Elisabeth Haselberger (Vor der Buchhandlung Aegis, Ulm, 31. Juli 2018, mittags)

Gerald Fiebig/Elisabeth Haselberger
Aegis für Blockflöte und Elektronik (2018, UA)
Speziell für das Konzert in der Aegis Literatur Buchhandlung wurde dieses Stück entwickelt. Eine Aufnahme von Geräuschen rund um die Buchhandlung wird elektronisch so bearbeitet, dass sie Grundlage eines Stücks in den Tonarten A, E, Gis wird und somit auf musikalische Art den Namen des Spielorts buchstabiert.

„Recordari“ ist das lateinische Wort für „sich erinnern“. Daraus hat sich sowohl unser Begriff „Recorder“ für ein elektronisches Aufnahmegerät entwickelt als auch das englische Wort für die Blockflöte – sie heißt dort auch „recorder“. In ihrer ersten gemeinsamen Komposition „Recordari“ spielen die Blockflötistin Elisabeth Haselberger und der Audiokünstler Gerald Fiebig mit dieser Doppeldeutigkeit: Die Anweisungen, die die Partitur stellt, können auf unterschiedliche Weisen mit dem einen und dem anderen „recorder“ erfüllt werden. Einerseits kommen diverse elektronische Geräte infrage, solange sie eine Aufnahmefunktion haben. Andererseits ist klar, dass nur eine Blockflöte (und nicht irgendeine andere Art von Flöte) eingesetzt werden kann – denn nur diese heißt eben „recorder“ und nicht „flute“.