Zander/Fiebig: Modul 1

„Kennzeichnung von Zusatzstoffen“ was the first collaboration of Gerhard Zander and Gerald Fiebig. The piece was conceived specifically for the festival Experimentelle Musik in Munich, which back then was held annually in the refectory of the Technical University Munich.

The sound material of the piece consists exclusively of sound recordings made during the everyday business of the refectory. The sounds were collected using various recording devices (minidisc and MP3 recorder, analogue dictaphone). There was no processing of the sounds other than that effected by the technical properties of the respective recording media. The compositional principles of the piece are editing and montage.

For the performance, selected parts of the field recordings were distributed among several playback devices. These were assembled into a musical structure through the live interplay of the two performers. The construction of the piece arises from the specific qualities of the found sound materials.

„Kennzeichnung von Zusatzstoffen“ makes use of the everyday sounds of the TU-Mensa, especially its characteristally reverberant spatial acoustics (including parts of the building not usually accessible to the public), and integrates these in a transformed, but still recognisable form into the special situation of a musical performance in the same place. The title, too, is a found object from an information placard in the foyer of the refectory.

The piece is based on an idea by „die grenzlandreiter“ (Mathias Huber and Gerald Fiebig) and was realised with the kind support of Thomas Pliatsikas.

After the performance, Simone Rist – a soprano who had had pieces dedicated to her by John Cage and who during her formative years had worked as an assistant to Pierre Schaeffer at GRM in Paris – came up to us and said how much she had enjoyed the way it had reminded her of the 1960s musique concrète style. In 2007, the now-defunct Institut de Musique Electroacoustique de Bourges gave the piece a honorary mention at their annual awards.

We had fallen in love with electroacoustic music, and with this piece, the world of electroacoustic music started loving us back. The confidence gained from this initial collaboration launched us on our way as a duo, which produced numerous live performances and a series of releases between 2007 and 2012. As you will note in the list below, the first release was called Modul 2, but – not unlike the Annual Reports of Throbbing Gristle 🙂 – the first module remained missing until today. Well, now, here goes.

Zander/Fiebig, September 2020

Further releases by Zander/Fiebig:
Modul 2 – brainhall.net/popups/zehn.htm
Modul 3 – emerge.bandcamp.com/album/modul-3
SoundCycle – emerge.bandcamp.com/album/soundcycle
Raumpunkte – emerge.bandcamp.com/album/raumpunkte
Elektroakustisches Picknick (Mischtechnik) – www.youtube.com/watch

Recorded live in performance at the festival Experimentelle Musik at TU-Mensa, Munich, 9 December 2006

Composed and performed by Gerhard Zander and Gerald Fiebig
Recorded and mastered by Gerhard Zander

Commissioned by Stephan Wunderlich and Edith Rom

Original festival programme note in German:

Das Klangmaterial des Stücks besteht ausschließlich aus Originalton-Aufnahmen aus dem alltäglichen Betrieb der TU-Mensa. Diese wurden mittels unterschiedlicher Aufnahmegeräte (Minidisc- und MP3-Recorder, analoges Diktiergerät) „gesammelt“. Über die jeweiligen technischen Besonderheiten der Aufnahmemedien hinaus wurde das Material keiner Verfremdung unterworfen. Die einzigen Kompositionsprinzipien des Stücks sind Schnitt und Montage.

Für die Aufführung werden ausgewählte Teile des O-Ton-Materials auf verschiedene Wiedergabegeräte verteilt. Die Elemente werden im Zusammenspiel zwischen den beiden Aufführenden live zu einer musikalischen Struktur montiert. Der Aufbau des Stücks ergibt sich aus den spezifischen Qualitäten des vorgefundenen Klangmaterials.

„Kennzeichnung von Zusatzstoffen“ greift die alltäglichen Geräusche und insbesondere auch den charakteristischen Raumklang der TU-Mensa auf (auch aus Teilen des Gebäudes, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind) und integriert diese in transformierter, aber noch erkennbarer Form in die besondere Situation einer Musikaufführung am selben Ort. Auch der Titel ist ein Fundstück
aus einem Aushang im Foyer der TU-Mensa.

Das Stück basiert auf einer Idee der Gruppe „die grenzlandreiter“ (Gerald Fiebig und Mathias Huber) und wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung von Thomas Pliatsikas.

23 Minutes for Recorder and Recorder

festival_2018_-plakat

„23 Minutes for Recorder and Recorder“
von Elisabeth Haselberger und Gerald Fiebig
sind eine Version eines Stücks aus ihrem Zyklus „Recordari“.

https://recorderrecorder.wordpress.com/

„23 Minutes for Recorder and Recorder“ erarbeiten Haselberger und Fiebig auf der Basis von „Recordari #1“. Wir reisen von unterschiedlichen Orten (Ulm und Augsburg) zur Aufführung in München an. Daher sind die Klänge auf dem Weg zur Aufführung für uns Teil der „äußeren Umgebung des Aufführungsorts“. Elisabeth Haselberger berichtet auf akustische Weise über ihre Anreise von Ulm nach München – was nicht nur die quasi programmmusikalische Abbildung von Umweltgeräuschen meint. Die „Reise“ zur Aufführung kann auch interpretiert werden als der geistige und instrumentaltechnische Vorbereitungsprozess – sodass alles, was auf der Bühne erklingt, ein „Ergebnisbericht“ über diese Reise ist.

Gerald Fiebig hat mit seinem Recorder eine lange Aufnahme (1 Stunde 20 Minuten) seiner Zugfahrt von Augsburg nach München gemacht und eine kurze (ca. 3 Minuten), wie er in München von der U-Bahn-Station zu seinem Zielort läuft. Jede dieser Aufnahmen wurde auf genau 23 Minuten gestaucht bzw. gedehnt. Diese beiden Varianten vom Recorder relativierter Zeit dienen ihm als Instrumentarium.

Die Beschäftigung mit Textpartituren wie dieser wirft auch Fragen nach dem Wert von musikalischer Zeit als Arbeitszeit auf. Wie viel Zeit muss investiert werden, um aus der Partitur eine gelingende Aufführung zu machen? Diese Frage stellt sich selbstverständlich bei jeder Partitur: jedes Stück muss ja analysiert und dann geprobt werden. Die Frage verschärft sich allerdings nochmals bei Partituren, die sehr viel Kompositionsaufwand vom „offiziellen“ Komponisten an den Interpreten oder die Interpretin delegieren. Bei vielen „inderminierten“ Stücken oder „Number Pieces“ von John Cage ist es z.B. realistisch anzunehmen, dass sie viel schneller geschrieben wurden, als die Vorbereitung für eine Aufführung dauert. Allzu häufig schlägt sich das nicht in einer angemessenen Würdigung der Interpret*innen nieder. Das bezieht sich nicht nur auf deren Honorierung. Es geht auch um die Frage: Wer kann hier eigentlich mit Recht in Anspruch nehmen, der Komponist oder die Komponistin zu sein? Mit der Münchner Aufführung von „23 Minutes for Recorder and Recorder“ sind wir in der glücklichen Lage, als Composer-Performer beide Rollen verbinden zu können. Das Konzept von „Recordari“ bietet seinen Interpret*innen (die wir ausdrücklich als Ko-Komponist*innen sehen und die als solche auch immer genannt werden sollen) aber bewusst sehr breite Auslegungsmöglichkeiten, wie eine Aufführung vorzubereiten ist. Man kann die Texte von „Recordari“ als Grundlage für eine gelenkte Improvisation ohne jede weitere Vorbereitung verwenden oder nach ihrer Vorgabe komplexe ausnotierte Kompositionen erstellen.

Welche Variante sie wählen ­ also eben auch: wie viel Zeit sie in die Erarbeitung einer bestimmten Menge musikalischer Zeit investieren – können die künftigen Verwender*innen von „Recordari“ auch davon abhängig machen, mit welchen finanziellen Rahmenbedingungen sie für diese musikalische Zeit wirtschaften müssen.