KLONK: Gedächtnisverstörung

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Preisliste zur Ausstellung

Gedächtnisverstörung ist die zweite Ausstellung des Duos KLONK nach Grünstreifen (Galerie Extrawurst, Augsburg 2017). Während die letzte Ausstellung aus Rauminstallationen mit akustischer Komponente bestand, enthält Gedächtnisverstörung erstmals Arbeiten ganz ohne Klang. Allerdings bilden Klang-Speichermedien wichtige Bestandteile von einigen der ausgestellten Bild- und Objektserien. Als Erinnerung an die Ausstellung erschien am 08. Februar 2020 das Download-Album Memories To Go auf gebrauchtemusik.bandcamp.com. Im Rahmen der Finissage am 16. Februar 2020 war es in der Ausstellung öffentlich zu hören.

Für die Unterstützung beim Rahmenprogramm bedanken wir uns ganz herzlich bei Sebastian Kochs für die Eröffnung,

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Sebastian Kochs (Mitte) mit KLONK bei der Vernissage am 08.02.2020 (Foto: Martina Vodermayer)

Julia Zemanek aka The Bassenger für ihr Konzert bei der Vernissage,

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The Bassenger live bei der Vernissage am 08.02.2020 (Foto: Martina Vodermayer)

Annekatrin Gehre und ihren Kolleg*innen von Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself, Claudia Zerbe und Doris Kettner vom KompetenzNetz Demenz und Dr. Barbara Wolf vom Architekturmuseum der Technischen Universität München. Für technische und logistische Hilfe danken wir Gerti Papesch sowie Sascha Stadlmeier und seinem Label attenuation circuit.

Vom Schwarz zum Nichts / Pinocchio vs. The Mixtape / Sewing Sound / 3 in 1

Auf der Einladung zur Ausstellung ist eine (defekte) Tonbandkassette zu sehen. Speichermedien wie Fotos, Ton- oder Datenträger scheinen sich als symbolische Objekte wie von selbst anzubieten, wenn es um Erinnerung geht. Im Englischen werden das menschliche Gedächtnis und der technische Speicher ja sogar mit ein und demselben Wort bezeichnet: „memory“. In Wirklichkeit „hat die lange Zeit gängige Vorstellung, Erlebnisse und Erinnerungen würden im Gehirn wie in einem Computer gespeichert und wären – vorausgesetzt, man verfügt über die richtigen Passwörter und Aufrufbefehle – aus diesem Speicher wieder abrufbar, mit der Funktionsweise des Gedächtnisses, soweit sie bis heute entschlüsselt ist, nicht allzu viel zu tun.“1 Daher wirft eine Arbeit wie die fünfteilige Serie Vom Schwarz zum Nichts die Frage auf, ob es eine Grenze der Externalisierung und Virtualisierung von Gedächtnisinhalten gibt. Gibt es einen Punkt, an dem so viele Informationen aus unseren Gehirnen in eine diffuse Wolke ausgelagert sind, „dass wir das Denken verlernen“2, wie manche Experten befürchten? Brauchen wir letzten Endes nicht doch Objekte, in denen wir unsere Erinnerungen verankern können?

 

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„Vom Schwarz zum Nichts“

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„Vom Schwarz zum Nichts“ – Detail (Foto: Gerhard Detzer)

Klangspeichermedien finden auch in anderen Arbeiten der Ausstellung Verwendung. Das ist nicht nur ein Verweis auf die früheren Arbeiten von KLONK, die vorwiegend im Bereich Klangkunst angesiedelt waren, sondern hat auch inhaltliche Gründe. Schallplatten und Tonbandkassetten haben ein hohes Potenzial, bei unserer Generation (und der unserer Eltern) Gefühle und Assoziationen auszulösen. Was uns hier an diesen Speichermedien interessiert, ist nicht die technische Möglichkeit, Musik darauf zu speichern. Interessant ist vielmehr, dass gerade solche Musik-Objekte durch ihren sozialen Gebrauch für viele Menschen oft auch mit vielen eigenen Erinnerungen aufgeladen werden – die lebensverändernde Schallplattte, das Mixtape für die erste Liebe oder gute Freund*innen sollen hier als Stichworte genügen. Es handelte sich dabei nicht nur um Klang-Objekte (also die Musikstücke, die man hört), sondern um sichtbare, greifbare Gegenstände, die nicht ohne visuelle Komponente auskamen – vom aufwendigen künstlerischen Plattencover bis zur Beschriftung oder wahlweise liebevoll gebastelten Gestaltung der selbst aufgenommenen Kassette. Mit diesen Aspekten beschäftigen sich die zweiteilige Arbeit Pinocchio vs. The Mixtape,

die Serie Sewing Sound 

sowie die dreiteilige Arbeit 3 in 1. Für das Material zur letztgenannten Arbeit danken wir Brigitte Fiebig.

Krapp’s Domino

Das Vergessen (oder treffender: der Verlust von Erinnerungen) steht im Fokus der Arbeit Krapp’s Domino. Tonbandkassetten sind in dieser Rauminstallation so angeordnet, dass durch den Domino-Effekt die folgenden umfallen, wenn man eine anstößt. Der andere Teil des Titels spielt auf Samuel Becketts Stück Krapp’s Last Tape an (auf Deutsch: Das letzte Band). Der alte Krapp, die einzige Figur, hört sich darin Tonbänder an, die er in früheren Phasen seines Lebens als akustische Tagebücher aufgenommen hat. Im Fall von Krapp’s Domino sind die Kassetten Arbeitsmaterialien aus der akustischen Arbeit von Gerald Fiebig nicht nur vor der Gründung von KLONK, sondern in vordigitaler Zeit, also vor allem aus den 1990er-Jahren. Das Theaterstück Krapp’s Last Tape ist eine Meditation über Gedächtnisverlust – Krapp findet sich nur mit Mühe in seinen vielen Tonbandspulen zurecht –, aber auch über das Loslassen-Können von Vergangenem, das sich erledigt hat. Krapp’s Domino macht dieses Loslassen (und Weitergehen) zusammen mit dem Publikum der Ausstellung wiederum zu einer sozialen Erfahrung. Jede*r Besucher*in findet auf den Kassetten einen Link zu dem neuen Album Memories To Go von KLONK und kann sich eine beliebige Anzahl Kassetten mitnehmen. (Das Titelstück des Albums ist der Live-Mitschnitt einer Performance mit einer zufälligen Auswahl der Kassetten, die bei der Vernissage stattfand.)

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Live-Performance „Memories To Go“ (Foto: Martina Vodermayer)

„Aber ich wünsche sie nicht zurück. […] Nein, ich wünsche sie nicht zurück.“3 Vielmehr bitten wir für die mitgenommenen Kassetten am Ausgang um eine Spende, die wir an die Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI)4 weitergeben werden. (Im Lauf der Ausstellung kamen auf diese Weise 180,- Euro an Spenden zusammen, die am 17.02.2020 an die AFI überwiesen werden konnten.)

An was man sich alles erinnert nach so einer Zeit

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„An was man sich alles erinnert nach so einer Zeit“ (Foto: Gerhard Detzer)

Alzheimer-Demenz ist auch der thematische Rahmen für die Rauminstallation An was man sich alles erinnert nach so einer Zeit. Ein Großteil der in der Arbeit verwendeten Objekte stammt aus dem Nachlass von Gerald Fiebigs Großmutter Friederike Brenner (1923–2019), die in ihren letzten Lebensjahren an Demenz erkrankte. Der im Titel unserer Ausstellung aufscheinende verstörende Charakter dieser Krankheit beruht nicht nur darauf, dass scheinbar selbstverständliche und grundlegende Dinge nicht mehr erinnert werden. Ebenso verstörend für das Bild einer kohärenten Persönlichkeit wirkt das plötzliche Hervortreten von Erinnerungen an vergessen geglaubte oder verdrängte Lebensphasen und das für Außenstehende oft völlig unverständliche Ineinanderfließen von biografischen Zeitebenen. Auch das wirkt weniger wie ein simples Vergessen, sondern eher wie die Konstruktion einer (Parallel-) Realität aus den Fragmenten, über die man noch verfügen kann. Diese Rätselhaftigkeit, die eine der großen Herausforderungen für die Angehörigen von Demenzpatient*innen darstellt, ist das Thema der Arbeit. Die Erfahrung dieser Rätselhaftigkeit und oft auch Ratlosigkeit will die Arbeit auch für die Betrachter*innen ermöglichen.

Zur Thematik der Arbeiten Krapp’s Domino und An was man sich alles erinnert nach so einer Zeit fand im Rahmen der Ausstellung am 13.02.2020 die Veranstaltung Demenz: die hellen und die dunklen Seiten dieser Gedächtnisverstörung mit Claudia Zerbe und Doris Kettner vom KompetenzNetz Demenz statt.

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Claudia Zerbe (links) und Doris Kettner bei der Veranstaltung am 13.02.2020

Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen (für Martin Kippenberger)

KLONK_IchKannBeimBestenWillen_SerieWenn „das kollektive Vergessen ein anderes ist als das vereinzelte“5, dann gilt das selbstverständlich auch für das kollektive und das vereinzelnte Erinnern. In Zeiten, in denen ein antifaschistischer Minimalkonsens bezüglich der Verbrechen des Nationalsozialismus anscheinend sogar schon von rechtsextrem eingestellten Geschichtslehrern sabotiert werden kann6, erscheint es naiv bis gefährlich, wenn man annimmt, ein Nazi-Gebäude sei für jede*n Betrachter*in automatisch, also ohne weitere Problematisierung der Herkunft des Gebäudes, ein Mahnmal (und nicht etwa eine Kultstätte). Auf diese Problematik verweist die Arbeit Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen (für Martin Kippenberger).

Das für die Serie verwendete Foto zeigt ein Detail des Gebäudes Reinöhlstraße 72 in Augsburg, heute eine Dienststelle der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. „Die große Fassadenskulptur der Giebelseite – ein steinerner Reichsadler – blieb bis auf die Entfernung des Hakenkreuzes nach 1945 bis heute unverändert.“7 Der Titel ist eine Hommage an das 1984 entstandene Gemälde „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ von Martin Kippenberger (1953–1997)8.

Zu dieser Arbeit fand im Rahmen der Ausstellung am 14.02.2020 unter dem Titel Wo ist der Haken? Vom Umgang mit architektonischen Spuren der NS-Zeit ein Kurzvortrag mit anschließendem Gespräch mit Dr. Barbara Wolf vom Architekturmuseum der Technischen Universität München statt.

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Vortrag von Dr. Barbara Wolf am 14.02.2020

Da waren’s nur noch neun

Im kulturellen Gedächtnis – etwa in Gebäuden, Denkmälern, Straßennamen, in der stereotyp-abwertenden Darstellung von ‚Fremden‘, z.B. Schwarzen Menschen9, und nicht zuletzt in der Sprache – hat auch der Kolonialismus in Deutschland seine Spuren hinterlassen. Anders als (derzeit noch) im Fall des Nationalsozialismus gibt es jedoch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft in Bezug auf den (deutschen) Kolonialismus nur ein sehr geringes Problembewusstsein. Das scheint einer Bagatellisierung der Repression und Ausbeutung in den deutschen Kolonien Vorschub zu leisten bzw. der Weigerung, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen, dass für Menschen mit afrikanischer Herkunft die Verwendung kolonialistischer Begriffe und anti-Schwarzer Stereotype die negativen Erfahrungen kolonialer Unterdrückung fortschreiben kann. Während solche Erfahrungen in Afrika Teil der kommunikativen Überlieferung in unzähligen Familiengeschichten mit durchaus bis in die Gegenwart reichender Brisanz sein dürften, scheint ‚der Kolonialismus‘ für einen Großteil der deutschen Gesellschaft eine ungreifbar ferne, für das Heute nicht mehr relevante Vergangenheit zu sein. Polemisch zugespitzt, ist die Kolonialherrschaft des deutschen Reichs, die vor nur wenig mehr als 100 Jahren endete, anscheinend genauso fern wie die ersten deutschen Kolonialunternehmungen nach Südamerika von Bartholomäus Welser – obwohl beide in mehr oder minder direkter Konsequenz in den Völkermord führten. Die Arbeit Da waren’s nur noch neun (der Titel und die Anzahl der verwendeten Objekte beziehen sich außer auf einen rassistischen Zählreim10 auf Berichte, dass eines der in der Installation verwendeten Produkte inzwischen nicht mehr hergestellt werde11) stellt sozusagen Schnappschüsse von (oft in Augsburg angesiedelten) Schauplätzen dar, an denen – mit jeweils unterschiedlichem Ausgang – um die Dekolonisierung unseres kulturellen Gedächtnisses gerungen wird. „Als Ergebnis solcher Deutungskämpfe kann sich ein breiter Konsens hinsichtlich wichtiger historischer Ereignisse herausbilden“12 – und im Hinblick auf die Zukunft unserer Gesellschaft scheint es doch mehr als wünschenswert, einen Konsens darüber zu erzielen, dass die Unterdrückung, Ausbeutung und Vernichtung von Menschen in jeder Phase der Geschichte zu betrauern und zu verurteilen ist.

Zu dieser Arbeit fand im Rahmen der Ausstellung am 12.02.2020 unter dem Titel Rassistisches Dreikönigstreffen? eine Diskussionsveranstaltung mit Mitgliedern der Gruppe „Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself“ statt.

Veranstaltung Decolonize Yourself - Foto Augsburg Postkolonial

Diskussion mit Mitgliedern von „Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself“ am 12.02.2020 (Foto: Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself)

Über KLONK

KLONK sind Tine Klink und Gerald Fiebig (beide Jahrgang 1973). 2017 präsentierten sie ihre erste Ausstellung Grünstreifen in der Galerie Extrawurst, Augsburg, und veröffentlichten die CD For the Birds auf dem Label Recordings for the Summer. 2018 war ihre Klanginstallation Klangdüker in Augsburg im St.-Jakobs-Wasserturm (im Rahmen der Langen Nacht des Wassers) und im Maximilianmuseum zu hören. 2019 gestalteten sie die musikalische Umrahmung für die Ausstellung Bien von Maximilian Prüfer in der Schwäbischen Galerie in Oberschönenfeld. KLONK leben und arbeiten in Augsburg-Pfersee.

Unsere Kooperationspartner*innen und Unterstützer*innen

Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself: https://augsburgpostkolonial.wordpress.com

KompetenzNetz Demenz: http://www.mit-alzheimer-leben.de
Architekturmuseum der Technischen Universität München: http://www.architekturmuseum.de

Sebastian Kochs: https://soundcloud.com/the_creeping_candies

The Bassenger: https://soundcloud.com/lady-morph

Sascha Stadlmeier: https://emergeac.wordpress.com | http://www.attenuationcircuit.de

Gerti Papesch: http://www.gerti-papesch.de

1Harald Welzer: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München: 4. Auflage 2017, S. 20

2kut: Bildung [auf der Themenseite: Was macht das Internet mit uns?]. Süddeutsche Zeitung Nr. 297 (24./25./26. Dezember 2019), S. 21

3Samuel Beckett: Das letzte Band. In: ders.: Dramatische Dichtungen. Band 2. Frankfurt/Main 1964, S. 109

4Diese Initiative fördert die medizinische Forschung zur Therapie der Alzheimer-Krankheit. Sie beschreibt ihre Arbeit wie folgt: „Wir fördern Projekte in der klinischen Alzheimer-Forschung sowie in der Ursachen- und Diagnoseforschung. Jeder Forscher einer deutschen Universität oder eines öffentlichen Instituts kann einen Antrag auf Fördermittelvergabe stellen. Über die jährliche Vergabe der Fördermittel entscheidet unser Wissenschaftlicher Beirat. Seit der Gründung konnten wir bisher 288 Forschungsaktivitäten mit über 11,2 Millionen Euro unterstützen. Die AFI ist heute der größte private Förderer der Alzheimer-Forschung in Deutschland. […] Wir bekommen kein Geld von der Pharmaindustrie oder vom Staat. So können wir unabhängig von unternehmerischen Interessen und staatlicher Einflussnahme Projekte fördern, die wir für elementar und aussichtsreich halten.“ (www.alzheimer-forschung.de/ueber-uns/wer-wir-sind/, abgerufen am 31.12.2019)

5Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land. Stuttgart 2019, S. 191

7Michaela Haibl: Somme-, Arras- und Panzerjäger-Kaserne. In: Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit Barbara Wolf und Alexandra Schmid (Hg.): Bauten erinnern. Augsburg in der NS-Zeit. Berlin 2012, S. 112

8Zur Bedeutung des Gemäldes siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_kann_beim_besten_Willen_kein_ Hakenkreuz_entdecken, dort auch ein Link zu einer Abbildung des Werks (abgerufen am 05.01.2020)

9Wir benutzen die von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. verwendete Großschreibung von ‚Schwarz‘ [und analog dazu auch von ‚Weiß‘], „um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reelle ‚Eigenschaft‘, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. So bedeutet Schwarz-sein in diesem Kontext nicht nur, pauschal einer ‚ethnischen Gruppe‘ zugeordnet zu werden, sondern ist auch mit der Erfahrung verbunden, auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden.“ (https://www.neues-deutschland.de/artikel/1037585.nichtbetroffene-bestimmen-was-rassismus-ist.html, abgerufen am 05.01.2020).

12Bernward Anton: Die Erinnerung an die Revolution. In: Archiv der Münchner Arbeiterbewegung e.V. (Hg.): Revolution in München. Alltag und Erinnerung. München 2019, S. 89

New Enamel. Vom Karl-Marx-Hof zum Utopiaweg

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Radio Dérive auf Radio Orange 94.0 (Wien) – Dienstag, 05.11.2019 um 17:30 Uhr
(Ursendung 25-Minuten-Fassung) – hier anhören

Artarium auf Radiofabrik (Salzburg) – Sonntag, 10.11.2019 um 17:06 Uhr
(Ursendung 40-Minuten-Fassung) – hier anhören

New Enamel
Vom Karl-Marx-Hof zum Utopiaweg
Radiophone Komposition von Gerald Fiebig mit Texten von Friederike Brenner, Guy Debord, Gilles Ivain sowie von Thomas Stangl aus Thomas Stangl: Freiheit und Langeweile. Essays. Graz/Wien: Literaturverlag Droschl. (c) Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2016.

Realisation: Gerald Fiebig unter Mitarbeit von Tine Klink
Sprecherinnen und Sprecher: Friederike Brenner, Gerald Fiebig, Thomas Stangl

Die Erstellung dieses Stücks wurde ermöglicht durch Arbeitsaufenthalte bei Carmen und Emmeran Achter, im Kunstort ELEVEN und ein Stipendium der TONSPUR (Wien)

Städte wie einen ästhetischen Text lesen und dabei der Poesie von Straßennamen folgen – so könnte man die situationistische Praxis des „dérive“, des Umherschweifens umreißen. Der Audiokünstler Gerald Fiebig hat sein Umherschweifen in Wien zum Ausgangspunkt mehrerer Arbeiten gemacht. 2014 begann er eine Trilogie von Radiostücken, in der sich die akustische Erforschung des Stadtraums mit familiengeschichtlichen Recherchen überlagert. Sie findet ihren Abschluss mit dem Hörstück „New Enamel. Vom Karl-Marx-Hof zum Utopiaweg“. Als Hommage an die antifaschistischen Kämpferinnen und Kämpfer des Februar 1934 begab sich Fiebig auf ein Dérive zwischen diesen Orten und machte dabei Aufnahmen. Auch sein Urgroßvater Hermann Wurmbrand kämpfte am Karl-Marx-Hof. Deshalb verbindet er die psychogeografische Erkundung des Roten Wien mit Berichten seiner Großmutter Friederike Brenner, geborene Wurmbrand. Wie Städte auf vielfältigen Ebenen lesbar sind, so enthält auch das Stück noch mehr Textschichten. Zitate der Situationisten Guy Debord und Gilles Ivain spricht der Wiener Schriftsteller Thomas Stangl. Gerald Fiebig selbst spricht Zitate von Thomas Stangl, während die früheren Teile der Radiotrilogie zu hören sind.

Manuskript & Exposé (Deutsch)

manuscript & synopsis (English)

Glitchworks

The album could be considered an exercise in musical upcycling (or a punk version of the Oval approach). Different glitches from various defective CDs were recorded onto the tracks of a four-track cassette recorder. All pieces on this album were created by mixing down the tracks in different ways. The only sound effects used (in real-time during the mix) were the pan, treble, mid, and bass controls of the tape recorder.

Cover art: Tine Klink

KLONK: Klangdüker

Klangdüker

Bildquelle: Landschaftspflegeverband Augsburg

Klanginstallation im Rahmen der Blauen Stunden
Sa, 11. August / Sa, 8. September 2018 jeweils 18.30–23 Uhr
Maximilianmuseum, Fuggerplatz 1, Augsburg

Das ausgeklügelte System von Lechkanälen und Quellbächen im Siebentischwald ist ein wesentlicher Bestandteil der historisch einmaligen Wasserversorgung Augsburgs. Düker sind unterirdische Rohrleitungen, mit denen sich Wasserläufe kreuzen können, ohne sich zu vermischen. Düker sind im Stadtwald Augsburg besonders wichtig, damit sich Quellbäche und Lechkanäle nicht vermischen. Die Quellbäche haben nämlich Trinkwasserqualität, aber die Kanäle enthalten Sedimente aus dem Lech.

Das Duo KLONK (Tine Klink und Gerald Fiebig) hat mit einem Hydrofon (Unterwassermikrofon) die Fließgeräusche verschiedener Bäche und Kanäle im Siebentischwald aufgenommen. Im Mittelpunkt steht der Klang des Siebenbrunner Bachs (einer der Lechkanäle). Er wurde aber nicht „naturbelassen“, sondern mit elektronischen Effekten musikalisiert. Diese Klangveränderung steht symbolisch für die Sedimente, die die Wasserqualität des Siebenbrunner Bachs verändern.

Während der Blauen Stunden wird der Viermetzhof des Maximilianmuseums zum „Klangdüker“. In ihm mischt sich der schwebende Klang, der aus dem Siebenbrunner Bach gewonnen wurde, mit realistisch klingenden Hydrofon-Aufnahmen aus dem Zigeunerbach und dem Grenzgraben sowie mit dem Klang des Augsburger Wassers, das von oben nach unten „live“ durch den Viermetzhof fließt.

KLONK: For the Birds (CD-R)

Klonk
„For the Birds“
cdr, 30 min

Released on Recordings for the Summer, May 2017

Order via Fragment Factory or Tochnit Aleph

„I am for the birds,
not for the cages
in which people
sometimes place them.“
– John Cage

„For the Birds“ is the first album by interdisciplinary art duo KLONK (Tine Klink and Gerald Fiebig). The 5 pieces, mainly based on their multimedia installation work, use the sounds of birds to explore our relationship to nature and its simulation.

When working with field recordings, birdsong can seem almost omnipresent in natural surroundings. In turn, recorded birdsong has become something of a cliché of natural ambience, heard in everything from „relaxation“ CDs to computer games.

All 5 pieces on „For the Birds“ make use of birdsong, recorded both from nature and from other media, and mix it with various natural and artificial sounds – church bells, metal percussion played on an object found in a nature reserve, a bird whistle, bicycle bells, and the sounds of hedgehogs, bees, and other insects.

By increasingly disrupting the quasi-natural flow of ambient sounds by using loops, cuts, and drop-outs, the album deconstructs the idea of an unmediated nature. The listener begins to hear that what is nature to us is always a cultural construct.

8-page booklet, layout by Michael Barthel.

Grünstreifen – Klang- und Rauminstallationen von KLONK (Tine Klink & Gerald Fiebig) in der Galerie Extrawurst, Augsburg

KLONK (Tine Klink und Gerald Fiebig)
Grünstreifen
Klang- und Rauminstallationen – Upcycling-Kunst
Galerie Extrawurst, Augsburg, 07. Mai bis 18. Juni 2017

KLONK ist der Sammelname für unsere gemeinsamen künstlerischen Aktivitäten. Die Projekte von KLONK ergeben sich aus der Schnittmenge von Themen und Formaten, die wir beide aus unserer jeweiligen Arbeit mitbringen: Natur und Ökologie, Textilkunst und Upcycling, Geräuschcollagen und Rauminstallationen seien hier als Beispiele genannt. Seit 2011 wurden verschiedene kleinere KLONK-Projekte als Radiostücke, Online-Audioveröffentlichungen und Performance realisiert.
Grünstreifen als erste Ausstellung von KLONK bündelt die Hauptmotive der bisherigen Arbeit.

Parallel zur Ausstellung erscheint die CD „For the Birds“ auf dem Label Recordings for the Summer. Sie enthält die in der Ausstellung zu hörenden Audioarbeiten sowie zwei thematisch verwandte Stücke.

Grünstreifen am Rand von Straßen oder Parkplätzen sind Versuche, in einer weitgehend technisierten Umwelt noch einen Anschein von Natürlichkeit zu wahren. Durch ihre Aufgesetztheit oder auch Hilflosigkeit mögen solche Grünstreifen, obwohl aus echtem Gras, bisweilen geradezu künstlich wirken. Um die Gegensätze von Natürlichkeit und Künstlichkeit sowie (nichtkommerzieller) Handarbeit und (kommerzieller) Industriefertigung geht es in allen Arbeiten der Ausstellung. Sie wurden speziell für die Räume der Galerie Extrawurst konzipiert. Die Leitmotive dabei sind Blumen und Vögel. Diese beiden Naturerscheinungen wurden in der Geschichte der Kunst besonders oft als stilisierte Ornamente eingesetzt. Als Schnittblumen und Ziervögel repräsentieren sie auch in unseren ansonsten künstlich erzeugten Wohn-Umwelten Reste von Natur. Ähnlich wie der Grünstreifen stehen sie damit für das doppelbödige Verhältnis des Menschen zur Natur, das zwischen Ausbeutung und Sehnsucht schwankt.

KLONK: For the Birds

KLONK: For the Birds

For the Birds (im Eingangsraum)
Die Installation For the Birds thematisiert das Verhältnis von Mensch und Natur in unserer Gegenwart, in der die Naturzerstörung fortschreitet, während auf der anderen Seite die Techniken für die Simulation künstlicher Natur immer alltäglicher werden. Die akustische Ebene besteht aus einer Endlosschleife, basierend auf je zwei Aufnahmen von echtem Vogelgesang von unterschiedlichen Orten Europas sowie aus je zwei Aufnahmen von künstlichem Vogelgesang, wie er bei einem Computerspiel und einem modernen Digitalwecker aus den Lautsprechern dringt. Auf der visuellen Ebene wird der Ausstellungsraum mit Grünstreifen aus Dekorasen verfremdet. Dieser ist mit echten und künstlichen (textilen) Blumen besetzt. Während die Besucher_innen z.B. darüber rätseln, ob sie gerade einen echten oder einen künstlichen Vogel hören, sind sie dazu eingeladen, die (echten) Blumen zu gießen. Diese kleine Geste des Selbst-Aktivwerdens am Kunstwerk ist als Hinweis zu verstehen: darauf, dass es auch in einer naturfernen städtischen Umgebung die Option auf „mehr Natur“ gibt, etwa durch Urban-Gardening-Projekte, bei denen man z.B. Grünstreifen mit mehr als nur Gras bepflanzt.

KLONK: Metal Birds

KLONK: Metal Birds

Metal Birds (im Kühlraum)
Die Klangaufnahme, die hier zu hören ist, stammt aus dem Nationalpark Eifel. Wie bei allen Nationalparks ist dessen Ziel die Vermittlung eines möglichst „ursprünglichen“ Naturerlebnisses. Um das Hören auf das Vogelzwitschern zu fokussieren, wurde an einer Stelle im Wald ein Hörtrichter aus Metall aufgestellt. Während wir die Vogelstimmen aufnahmen, funktionierten wir den Trichter zum Percussion-Instrument um. Damit reagierten wir auf die Paradoxie, dass sogar in einem solchen vergleichsweise natürlichen Umfeld Natur ohne künstliche Hilfsmittel gar nicht mehr erlebbar scheint. Ähnlich ambivalent zeigt sich die visuelle Ebene aus künstlichen Vögeln, die auf dem schmalen Grat zwischen Niedlichkeit und Hässlichkeit balancieren.

KLONK: Hedgebird

KLONK: Hedgebird

Hedgebird (im Flur)
Die „Hecke“ (englisch hedge) aus Plastikblumen im Flur treibt das Spiel mit der Künstlichkeit auf die Spitze. Als Kontrast dazu dürfen sich die Besucher_innen ihre eigene Klangkulisse aus Naturgeräuschen zusammenmischen. Zur Verfügung stehen die Geräusche von Vögeln, Bienen, Grillen und einem Igel (englisch hedgehog), sowohl aus dem KLONK-Archiv als auch von der Open-Source-Webplattform freesound.org. Weitere Klangobjekte, die zum Einsatz kommen können, sind die Klänge von Fahrradklingeln aus der Sammlung der Selbsthilfewerkstatt Bikekitchen Augsburg. Damit gibt die Arbeit einen kleinen Eindruck davon, wie Städte klinge(l)n könnten, wenn der gleichförmig dröhnende Autoverkehr durch Fahrräder ersetzt würde. Die Arbeit wurde in Kooperation mit dem Arbeitskreis Urbane Gärten in der Lokalen Agenda 21 erstmals 2015 beim ersten Augsburger Park(ing) Day in der Maximilianstraße präsentiert. Der Park(ing) Day ist ein weltweiter Aktionstag, bei dem Parkplätze durch kreative Aktionen umgenutzt werden. Damit zeigt er auf, welcher Zugewinn an Lebensqualität in Städten durch eine Reduzierung des Autoverkehrs möglich wäre. Neben dem Audiomaterial von Hedgebird kam dabei auch schon der Rasenteppich zum Einsatz, der nun im Eingangsraum der Galerie Extrawurst Verwendung findet. Der nächste Augsburger Park(ing) Day ist am 16. September geplant.

Auch die Bilder in dieser Ausstellung entstanden teilweise aus dem Wunsch, gebrauchten Plastik- und Textil-Elementen durch Upcycling im Rahmen von Kunstwerken eine neue Funktion zu geben. Solche Ressourcen sparende Wiederverwendung von Materialien versuchen wir in unserer Arbeit so oft wie möglich zu praktizieren. Ziel ist es, unsere künstlerische Tätigkeit mit unseren praktischen und politischen Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit zu verbinden. Ein weiteres Beispiel: Textile Handarbeitstechniken finden nicht nur zum Herstellen von Häkelblumen für Ausstellungen Verwendung, sondern auch für Guerilla-Art-Interventionen im öffentlichen Raum, z.B. im Kontext der politischen Auseinandersetzung um die Streckenführung der Linie 5.

Passend dazu dient während unserer Ausstellung die Galerie Extrawurst am 10. Juni auch als Ort für den ersten Augsburger World Knit in Public Day, bei dem jede_r zum gemeinschaftlichen Stricken vorbeikommen kann. Denn Selbstorganisieren und Selbermachen auf lokaler Ebene sehen wir als wichtige Schritte hin zu einer nachhaltigeren Lebensweise – einer Lebensweise, die dazu führen könnte, dass die reduzierten Grünstreifen in unserer Umwelt wieder breiter und bunter werden.

KLONK sind Tine Klink und Gerald Fiebig (beide Jahrgang 1973). Tine Klink alias Oda Klonk arbeitet mit ihrem Unternehmen Bunt und draußen – Krea(k)tivwerkstatt für Kunst und Natur an der Schnittstelle von Umweltbildung und Kunstpädagogik. Die Themen ihrer Workshops reichen von klimafreundlicher Ernährung bis zu Land Art im Stadtraum. Neben ihrer künstlerischen Arbeit, in der Textilarbeiten und Upcycling eine zentrale Rolle spielen, ist sie Sprecherin des Arbeitskreises Urbane Gärten in der Lokalen Agenda 21. Der Grow Up! Interkultureller Garten Augsburg e.V., in dessen Vorstand sie tätig ist, wurde 2016 mit dem Zukunftspreis der Stadt Augsburg ausgezeichnet.

Gerald Fiebig alias Otto Klonk arbeitet in seinen Klanginstallationen und -performances häufig mit Geräuschen der natürlichen wie auch der technischen Umwelt. Seine Klanginstallation Private Transport (mit Alexander Möckl), die seit 2012 in der Pferseer Unterführung zu hören ist, macht den Motorenlärm in der Unterführung zum Gegenstand. Dabei „belohnt“ sie Fußgänger und Radfahrer, weil sie aus dem Inneren von Kraftfahrzeugen heraus gar nicht hörbar ist. Für seine Klanginstallationen erhielt Fiebig unter anderem ein TONSPUR-Artist-in-Residence-Stipendium vom quartier21/MuseumsQuartier in Wien und den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg in der Sparte Bildende Kunst.

Tine Klink: www.tineklink.de | www.bunt-und-draussen.de | www.facebook.com/buntunddraussen
Gerald Fiebig: http://www.geraldfiebig.net | www.facebook.com/GeraldFiebigAudioArt
Recordings for the Summer: www.recordingsforthesummer.de
Bikekitchen Augsburg: www.bikekitchen-augsburg.de