Stefan Barcsay & Gerald Fiebig: CETACEA

Seidlvilla, Nikolaiplatz 1 b, 80802 München
Sa, 07.11.2020 um 20:00 Uhr

Die Augsburger Musiker Stefan Barcsay (Gitarre) und Gerald Fiebig (Elektronik) präsentieren ihr erstes gemeinsames Konzertprogramm. Im Mittelpunkt des Abends steht die ungewöhnliche Kombination aus Barcsays teilweise unkonventionell gespielter akustischer Gitarre und elektronischen Sounds. Zur Aufführung kommen auch Stücke für (teilweise präparierte) Gitarre und elektroakustische Klänge, die Gerald Fiebig speziell für diesen Abend komponiert hat. Dabei spielen auch Wale, Spieluhren, defekte CDs und Klänge aus derAugsburger Industriegeschichte eine Rolle. Neben den Stücken von Gerald Fiebig spielt Barcsay „Pietà“, das eigens für ihn geschriebene Stück der slowenischen Komponistin Larisa Vrhunc.

Tickets (12,- / 15,- €) bittte vorreservieren unter info@seidlvilla.de

Gerald Fiebig (*1973): Die Außenseite der Musik (2009)

Gerald Fiebig: CD (2020)

Gerald Fiebig: Chords of Shame (2020)

Gerald Fiebig: This Machine Kills Fascists (2020)

Gerald Fiebig: Ships in the Night (2016)

Larisa Vrhunc (*1967): Pietà (2019)

Gerald Fiebig: Wave/Drown (Music for Global Warming) (2013)

GeraldGerald Fiebig: Cetacea (2020)

Fiebig & EMERGE: post-industrial (2014)

Gerald Fiebig: Echoes of Industry III (2020)

Gerald Fiebig: Die Außenseite der Musik

Das Stück basiert auf Geräuschen, die beim Manipulieren einer Tonbandspule, einer Schallplatte, einer CD und einer Minidisc (ohne Abspielgeräte!) entstanden. Das Objekt „Tonträger“, das selbst kein Ton, keine Musik, ja nicht einmal Information ist, wird hier eben doch zum Klangereignis. So unterstreicht das Stück die materielle Dimension jeglicher Kompositions- und Aufnahmepraxis: Sie ist untrennbar von dem Medium, in dem sie stattfindet.

Gerald Fiebig: CD (für Stefan Barcsay)

„CD“ ist ein Beispiel für musikalisches Upcycling. Für das Zuspiel wurden die Klänge mehrerer defekter CDs zusammengemischt. Die harmonischen Effekte ergaben sich dabei zufällig aus dem vorgefundenen Abfall des Tonträger-Zeitalters. Durch die Verbindung mit der Gitarre werden diese Fragmente von digital gespeicherter Musik wieder in Live-Musik überführt. Das Strukturprinzip des Stücks geben aber die CDs vor – einerseits in Form des rhythmischen Pulses der CD-„Hänger“, den der Gitarrenpart aufgreift; andererseits in Form der Zufälligkeit der entstehenden (Dis-) Harmonien. Das Arbeiten mit vorgefundenem Klangmaterial wurde auch auf die Gitarre übertragen: Das Stück verarbeitet die Kombinationen der Töne C und D, die man findet, wenn man sich das Griffbrett der Gitarre hinaufarbeitet. Mit anderen Worten: Sowohl auf dem Zuspiel wie auch im Instrumentalpart kann man nur CD hören – aber das live.

Gerald Fiebig: Chords of Shame

Am 05. Februar 2020 ließ sich der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten von Thüringen wählen. Die im Titel benannten „Akkorde der Schande“ (der Titel ist eine Anleihe bei dem Song „Chords of Fame“ von Phil Ochs) bestehen aus einem Störgeräusch, das auf Basis der Töne A, F, D sowie auf Basis der Töne F und D in einer anderen Tonlage gefiltert wurde. Das „P“ von „FDP“ wird durch einen anderen Teil des Noise-Artefakts repräsentiert. Ursprünglich sollten die Akkorde mit besonders geschmacklosen Synthesizer-Presets eingespielt werden, um diese Schande für die Demokratie musikalisch zu schmähen. Doch der elektroakustische Glitch erwies sich dann als noch besser geeignet, um einen sogenannten „Betriebsunfall“ des Parlamentarismus zu thematisieren. Die kompositorische Kernidee verdanke ich dem Stück „fck a f d“ von elektrojudas (https://elektrojudas.bandcamp.com/track/fck-a-f-d).

Gerald Fiebig: This Machine Kills Fascists (für Stefan Barcsay)

„This Machine Kills Fascists“ schrieb der US-amerikanische Liedermacher Woody Guthrie 1941 auf die Gitarre, mit der er seine antifaschistischen Songs begleitete. In dem Stück „This Machine Kills Fascists“ kommen neben der Gitarre noch zwei weitere Musikmaschinen zum Einsatz: Spieluhren, die auf die Hymnen der sozialistischen Bewegung („Die Internationale“) und der Europäischen Union („Ode an die Freude“) gestimmt sind. Das Stück öffnet einen dritten Raum zwischen diesen Stücken und den damit assoziierten Idealen – als musikalische Utopie eines noch uneingelösten politischen Versprechens.

Gerald Fiebig: Ships in the Night

Mohanad Jammo entkam aus dem vom Krieg zerrissenen Syrien. Als sein Schiff auf dem Mittelmeer in Seenot geriet, ertrank er beinahe: Die italienische und die maltesische Marine versuchten stundenlang, sich der Verantwortung für die Rettung des Schiffs zu entziehen. Damit spiegelt seine Geschichte die aktuelle Gesamtsituation in Europa: Statt die Kräfte zu bündeln, um Flüchtlinge aufzunehmen, verweigern sich viele Staaten der europäischen Solidarität. Diesen Aspekt des Verfehlens/Im-Stich-Lassens thematisiert das Stück durch den Kontrast zwischen „realen“ Schiffshörnern (von freesound.org) und „abstrakten“ elektronisch erzeugten Wellen.

Larisa Vrhunc: Pietà

Geschrieben für den Gitarristen S. Barcsay für das Projekt AUF DEM WEG ZUR PIETÀ.

Gerald Fiebig: Wave/Drown (Music for Global Warming)

Aus dem Lärm von Autoverkehr taucht der Klang einer Gitarre (gespielt von Jürgen Jäcklin) auf. Die Gitarrenklänge bilden die Grundlage für die elektroakustische Komposition des Mittelteils – bis sie wieder unter dem akustisch „steigenden“ Meeresspiegel des Mittelmeers (aufgenommen auf Sardinien) versinken. Das Stück stellt so den Zusammenhang zwischen den Ursachen des Klimawandels (CO2-Ausstoß, repräsentiert durch die Autos) und seinen Folgen (der steigende Meeresspiegel) her.

Gerald Fiebig: Cetacea (für Stefan Barcsay)

„Cetacea“ ist der zoologische Name für die Wale. Das Stück ist eine Hommage an die interessanten Klänge, die auch von Zahnwalen hervorgebracht werden (die meist im Schatten der für ihren Gesang berühmteren Buckelwale stehen). Das Zuspiel besteht aus Aufnahmen von Fleckendelfinen, Großen Tümmlern und Pilotwalen, die Gerald Fiebig und Tine Klink 2017 über und unter Wasser vor La Gomera gemacht haben. Die Gitarrenstimme sucht sich durch spezielle Spieltechniken den zwischen Klicken und Zwitschern changierenden Walklängen anzunähern. Die Verwendung der Notenwerte C, E und A verweist auf das titelgebende Wort „Cetacea“. Das Plakatmotiv für unser Konzert zeigt ebenfalls zwei Pilotwale vor La Gomera.

Gerald Fiebig: Echoes of Industry III (für Stefan Barcsay)

Auf dem Zuspiel berichtet Johann Artner, der von 1947 bis 1989 im Gaswerk Augsburg arbeitete, u.a. vom Atmen in einem Gastank. „Atemnot“ lässt sich auch als Metapher für den Klimawandel lesen, den uns die von fossilen Brennstoffen getriebene Industrialisierung gebracht hat. Mit dem Trend zu Digitalisierung und Miniaturisierung ist unser exzessiver Ressourcenverbrauch keineswegs beendet. Das Zuspiel ist eine Art ironischer Kommentar zu dieser Miniaturisierung: Im Resonanzraum eines Gitarrenkorpus erklingen historische Maschinen, die früher ganze Fabrikhallen füllten. Das Stück ist eine kammermusikalische Fortschreibung der elektroakustischen Komposition „Echoes of Industry“ auf der CD „Gasworks“ von Gerald Fiebig feat. EMERGE & Christian Z. Müller.

Zander/Fiebig: Modul 1

„Kennzeichnung von Zusatzstoffen“ was the first collaboration of Gerhard Zander and Gerald Fiebig. The piece was conceived specifically for the festival Experimentelle Musik in Munich, which back then was held annually in the refectory of the Technical University Munich.

The sound material of the piece consists exclusively of sound recordings made during the everyday business of the refectory. The sounds were collected using various recording devices (minidisc and MP3 recorder, analogue dictaphone). There was no processing of the sounds other than that effected by the technical properties of the respective recording media. The compositional principles of the piece are editing and montage.

For the performance, selected parts of the field recordings were distributed among several playback devices. These were assembled into a musical structure through the live interplay of the two performers. The construction of the piece arises from the specific qualities of the found sound materials.

„Kennzeichnung von Zusatzstoffen“ makes use of the everyday sounds of the TU-Mensa, especially its characteristally reverberant spatial acoustics (including parts of the building not usually accessible to the public), and integrates these in a transformed, but still recognisable form into the special situation of a musical performance in the same place. The title, too, is a found object from an information placard in the foyer of the refectory.

The piece is based on an idea by „die grenzlandreiter“ (Mathias Huber and Gerald Fiebig) and was realised with the kind support of Thomas Pliatsikas.

After the performance, Simone Rist – a soprano who had had pieces dedicated to her by John Cage and who during her formative years had worked as an assistant to Pierre Schaeffer at GRM in Paris – came up to us and said how much she had enjoyed the way it had reminded her of the 1960s musique concrète style. In 2007, the now-defunct Institut de Musique Electroacoustique de Bourges gave the piece a honorary mention at their annual awards.

We had fallen in love with electroacoustic music, and with this piece, the world of electroacoustic music started loving us back. The confidence gained from this initial collaboration launched us on our way as a duo, which produced numerous live performances and a series of releases between 2007 and 2012. As you will note in the list below, the first release was called Modul 2, but – not unlike the Annual Reports of Throbbing Gristle 🙂 – the first module remained missing until today. Well, now, here goes.

Zander/Fiebig, September 2020

Further releases by Zander/Fiebig:
Modul 2 – brainhall.net/popups/zehn.htm
Modul 3 – emerge.bandcamp.com/album/modul-3
SoundCycle – emerge.bandcamp.com/album/soundcycle
Raumpunkte – emerge.bandcamp.com/album/raumpunkte
Elektroakustisches Picknick (Mischtechnik) – www.youtube.com/watch

Recorded live in performance at the festival Experimentelle Musik at TU-Mensa, Munich, 9 December 2006

Composed and performed by Gerhard Zander and Gerald Fiebig
Recorded and mastered by Gerhard Zander

Commissioned by Stephan Wunderlich and Edith Rom

Original festival programme note in German:

Das Klangmaterial des Stücks besteht ausschließlich aus Originalton-Aufnahmen aus dem alltäglichen Betrieb der TU-Mensa. Diese wurden mittels unterschiedlicher Aufnahmegeräte (Minidisc- und MP3-Recorder, analoges Diktiergerät) „gesammelt“. Über die jeweiligen technischen Besonderheiten der Aufnahmemedien hinaus wurde das Material keiner Verfremdung unterworfen. Die einzigen Kompositionsprinzipien des Stücks sind Schnitt und Montage.

Für die Aufführung werden ausgewählte Teile des O-Ton-Materials auf verschiedene Wiedergabegeräte verteilt. Die Elemente werden im Zusammenspiel zwischen den beiden Aufführenden live zu einer musikalischen Struktur montiert. Der Aufbau des Stücks ergibt sich aus den spezifischen Qualitäten des vorgefundenen Klangmaterials.

„Kennzeichnung von Zusatzstoffen“ greift die alltäglichen Geräusche und insbesondere auch den charakteristischen Raumklang der TU-Mensa auf (auch aus Teilen des Gebäudes, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind) und integriert diese in transformierter, aber noch erkennbarer Form in die besondere Situation einer Musikaufführung am selben Ort. Auch der Titel ist ein Fundstück
aus einem Aushang im Foyer der TU-Mensa.

Das Stück basiert auf einer Idee der Gruppe „die grenzlandreiter“ (Gerald Fiebig und Mathias Huber) und wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung von Thomas Pliatsikas.

RecorderRecorder @ Hörsturm Festival

Plakat 2020_hoersturm A3 KopieFreitag, 11. September 2020 um 22:30 Uhr
Hörsturm Festival in der LMS (Landesmusikschule)
Ried im Innkreis, Österreich

RecorderRecorder
GehHörGang
Konzertinstallation

„Recorder“ ist das englische Wort für Aufnahmegerät und Blockflöte. Elisabeth Haselberger und Gerald Fiebig nutzen als Duo RecorderRecorder in Ulm und Augsburg beide ihre Recorder, um gemeinsam Stücke zu komponieren. Exklusiv für das Hörsturm Festival haben sie ein Stück erarbeitet, in dem das Gebäude der Landesmusikschule Ried i/I selbst mitspielt. Geräuschaufnahmen aus verschiedenen Räumen und Gängen der LMS werden im Stück verarbeitet. Beim Hören entdecken wir, dass in diesem Gebäude nicht nur viel musiziert wird – auch das Haus selbst hat typische Klänge. Die Blockflöte greift rhythmische und harmonische Strukturen aus den aufgenommenen Haus-Klängen auf. Eine besondere Rolle spielen die Boden- und Wandbeläge der Gänge: Sie sorgen immer wieder für eine andere Resonanz unserer Schritte. Das Publikum ist eingeladen, diese verschiedenen Räume selbst hörend zu erkunden. Deshalb beginnt das Konzert mit dem Gang des Publikums hin zum Konzertraum. In den Gängen dienen Hörstationen mit den Klängen von Schritten als akustische Wegweiser. Mit den Geräuschen ihrer eigenen Schritte wirken die Gäste selbst am Konzert mit. Am Ende des gegangenen Hörweges findet dann die Aufführung des Duo RecorderRecorder statt.

Die technische Realisierung dieses Stücks wird ermöglicht durch die freundliche Unterstützung von MEHR MUSIK! Augsburg.

Passagen. Werk für Walter Benjamin

Walter_Benjamin_vers_1928SHORT SYNOPSIS IN ENGLISH:

„Passages/Arcades. A Work for Walter Benjamin“ is a tribute to the German philosopher, media theorist, and radio writer marking the 80th anniversary of his death on 26 September 1940. The radiophonic composition consists of several parts which each give acoustic shape to Benjamin’s thought. While the quotes are in German, the piece can be listened to as a sound work whose methods include radio drama, field recording, drone music, improvised sound work, and noise.

Die Uraufführung der radiophonen Komposition „Passagen. Werk für Walter Benjamin“ wurde am 30.08.2020 ab 21.00 Uhr im Rahmen der Sendung „entartet“ live auf Radio Free FM (Ulm) übertragen. Das Stück wurde von Christian Clement für die Redaktion „entartet“ in Auftrag gegeben.

Das Stück wurde speziell für diese Sendung entwickelt und erinnert anlässlich seines bevorstehenden 80. Todestags an Walter Benjamin – scharfsinniger Kulturtheoretiker und virtuoser Prosaautor, polemischer Literaturkritiker und visionärer Geschichtsphilosoph, messianischer Kommunist und antifaschistischer Kämpfer und nicht zuletzt medienbewusster Radiomacher.
Das Stück verwebt Zitate aus Benjamins Schriften mit unterschiedlichen Klang-Szenen. Gerald Fiebig hat sich in verschiedenen Texten immer wieder auf Walter Benjamin bezogen, aber noch nie in einer akustischen Arbeit. Die Bezüge, die er in diesem Stück zwischen Benjamins Texten und seinen Sounds herstellt, sind teilweise inspiriert von dem Aufsatz „Exploding the Atmosphere: Realizing the Revolutionary Potential of ‚the Last Street Song'“, in dem der neuseeländische Noise-Musiker Bruce Russell experimentelle Sound-Praxis mit Bezug auf Benjamin und die Situationistische Internationale in einen politischen Kontext stellt.

Am 20.09.2020 sendete die Radiofabrik Salzburg in der Sendung „Artarium“ eine speziell dafür eingerichtete Fassung des Stücks.

Außer dem „Passagen-Werk“ (v.a. dem Konvolut N) werden u.a. folgende Texte Walter Benjamins zitiert:

„Über den Begriff der Geschichte“

Das Telefon“ (aus der „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“)

„Der Flaneur“

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

„Was ist das epische Theater?“

Erfahrung und Armut

Der Sürrealismus. Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz“

„Theologisch-politisches Fragment“

Döner Gerald

„Döner Gerald ist DER Diätdöner. Man darf sich für fünf Euro anhören, wie es klingt, ihn zu essen.“ (Martin Dix). Danke an Martin Dix für die Idee zum Album.

Foto: Michi Menschenpaste, Berlin. Instrumentenbau: Sahar, Augsburg-Pfersee

Eingespeist und komponiert von Gerald Fiebig.

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„Döner Gerald is the ultimate diet Döner. For five euros you can listen to what eating it sounds like.“ (Martin Dix) Thanks to Martin Dix for the idea for the album.

Photo: Michi Menschenpaste, Berlin. Instrument built by Sahar, Augsburg-Pfersee

Composition and feed-back by Gerald Fiebig.

 

fiction circuit (LP)

by ARTIFICIAL MEMORY TRACE / GERALD FIEBIG / EMERGE / PBK

Artificial Memory Trace aka Slavek Kwi and PBK aka Phillip B. Klingler have been pillars of the global DIY experimental music culture for decades. Both of them have released work on attenuation circuit before. Here, they team up with label owner EMERGE aka Sascha Stadlmeier and his colleague Gerald Fiebig. Each one of the four artists contributes one track of about 10 minutes to the album. But while the four-way split LP is a common format in the global sound culture scene, “fiction circuit” is more than just a compilation.

All of the artists on this album share a love of creating electroacoustic music from field recordings or found sounds. Therefore, label manager Stadlmeier invited Artificial Memory Trace (AMT) and PBK to supply source sounds from their archives. These were then used as the basis for the compositions. Leaving the source material identifiable was not the task – it was to be used as raw material to be sculpted, very much in the spirit of acousmatic musique concrète. On the AMT side, we find the tracks by PBK and Gerald Fiebig. They both used AMT’s source material to create their tracks. PBK delivers a dense, rather rhythmic track with a decidedly “industrial” feel. Fiebig’s track, on the contrary, uses the front cover artwork – a digital collage by EMERGE of visual works by Kwi and Klingler, with other works by them reproduced on the lavishly printed LP insert – as a graphic score for realising a rather harmonic ambient piece. On the PBK side, Artificial Memory Trace and EMERGE “play” the source sounds supplied by PBK. The piece by Artificial Memory Trace qualifies as exuberant rhythm noise, while EMERGE goes all the way into rather meditative laminar lower-case drone minimalism. Therefore, regardless of which side of the record one plays first (“AMT” and “PBK” are engraved on the vinyl itself to guide the listener), one will experience, thoroughout the whole album, a change between very different sonic textures and temperaments that showcase the wide range of expressive possibilities of electroacoustic music. This is not the product of good luck, but of planned collective composition: AMT and PBK, as the “guests” on the label, were invited to create whatever they liked without any formal restrictions. As it turned out, both of their works were rather intense and direct in character. Therefore, EMERGE and Fiebig both made an effort to complement each side with a more subdued, quiet piece.

File under: Electroacoustic music, musique concrète

23 Minutes for Recorder and Recorder

festival_2018_-plakat

„23 Minutes for Recorder and Recorder“
von Elisabeth Haselberger und Gerald Fiebig
sind eine Version eines Stücks aus ihrem Zyklus „Recordari“.

https://recorderrecorder.wordpress.com/

„23 Minutes for Recorder and Recorder“ erarbeiten Haselberger und Fiebig auf der Basis von „Recordari #1“. Wir reisen von unterschiedlichen Orten (Ulm und Augsburg) zur Aufführung in München an. Daher sind die Klänge auf dem Weg zur Aufführung für uns Teil der „äußeren Umgebung des Aufführungsorts“. Elisabeth Haselberger berichtet auf akustische Weise über ihre Anreise von Ulm nach München – was nicht nur die quasi programmmusikalische Abbildung von Umweltgeräuschen meint. Die „Reise“ zur Aufführung kann auch interpretiert werden als der geistige und instrumentaltechnische Vorbereitungsprozess – sodass alles, was auf der Bühne erklingt, ein „Ergebnisbericht“ über diese Reise ist.

Gerald Fiebig hat mit seinem Recorder eine lange Aufnahme (1 Stunde 20 Minuten) seiner Zugfahrt von Augsburg nach München gemacht und eine kurze (ca. 3 Minuten), wie er in München von der U-Bahn-Station zu seinem Zielort läuft. Jede dieser Aufnahmen wurde auf genau 23 Minuten gestaucht bzw. gedehnt. Diese beiden Varianten vom Recorder relativierter Zeit dienen ihm als Instrumentarium.

Die Beschäftigung mit Textpartituren wie dieser wirft auch Fragen nach dem Wert von musikalischer Zeit als Arbeitszeit auf. Wie viel Zeit muss investiert werden, um aus der Partitur eine gelingende Aufführung zu machen? Diese Frage stellt sich selbstverständlich bei jeder Partitur: jedes Stück muss ja analysiert und dann geprobt werden. Die Frage verschärft sich allerdings nochmals bei Partituren, die sehr viel Kompositionsaufwand vom „offiziellen“ Komponisten an den Interpreten oder die Interpretin delegieren. Bei vielen „inderminierten“ Stücken oder „Number Pieces“ von John Cage ist es z.B. realistisch anzunehmen, dass sie viel schneller geschrieben wurden, als die Vorbereitung für eine Aufführung dauert. Allzu häufig schlägt sich das nicht in einer angemessenen Würdigung der Interpret*innen nieder. Das bezieht sich nicht nur auf deren Honorierung. Es geht auch um die Frage: Wer kann hier eigentlich mit Recht in Anspruch nehmen, der Komponist oder die Komponistin zu sein? Mit der Münchner Aufführung von „23 Minutes for Recorder and Recorder“ sind wir in der glücklichen Lage, als Composer-Performer beide Rollen verbinden zu können. Das Konzept von „Recordari“ bietet seinen Interpret*innen (die wir ausdrücklich als Ko-Komponist*innen sehen und die als solche auch immer genannt werden sollen) aber bewusst sehr breite Auslegungsmöglichkeiten, wie eine Aufführung vorzubereiten ist. Man kann die Texte von „Recordari“ als Grundlage für eine gelenkte Improvisation ohne jede weitere Vorbereitung verwenden oder nach ihrer Vorgabe komplexe ausnotierte Kompositionen erstellen.

Welche Variante sie wählen ­ also eben auch: wie viel Zeit sie in die Erarbeitung einer bestimmten Menge musikalischer Zeit investieren – können die künftigen Verwender*innen von „Recordari“ auch davon abhängig machen, mit welchen finanziellen Rahmenbedingungen sie für diese musikalische Zeit wirtschaften müssen.

Auch du, SchusterhAUS – Filmsoundtrack

Auch du, SchusterhAUS from Martina Vodermayer on Vimeo.

„Der Bagger geht um im Augsburger Textilviertel: Nach dem GärtnerhAUS muss das SchusterhAUS einem Neubau weichen. Ende 2016 wird das historische Färbereigebäude von der Bäckerei Schuster aufgegeben und im Frühjahr 2017 in knapp drei Wochen dem Erdboden gleichgemacht. Einen Eintrag in die Denkmalliste gab es für das Schusterhaus nicht. Dafür sind seine letzten Wochen gut dokumentiert und nun im knapp 7-minütigen Stop-Motion-Video mit kurzen Live-Sequenzen zu sehen. Bild + Schnitt (c) 2018 Martina Vodermayer (martavictor.design) – Soundtrack (c) 2018 Gerald Fiebig“

Gestohlenes Band (retourniert) / Tape Stolen and Returned

ORF Kunstradio, Ö1 – 18. Februar 2018, 23:00 Uhr MEZ / 11 pm CET

In Gerald Fiebigs Plattensammlung findet sich die LP „Strategien gegen Architekturen 80-83“ der Einstürzenden Neubauten und auf dieser Platte gibt es auch den ganz kurzen Track „Gestohlenes Band (ORF)“. Dieser ist Ausgangspunkt der radiokünstlerischen Retournierung des Bandes an den ORF und zwar genau 36 Jahre später. Am 18. Februar 1982 nahm Blixa Bargeld während eines Interviews im ORF-Funkhaus ein Tonband aus dem Studio mit. Einen kurzen Auszug daraus platzierte er als akustisches Readymade unter dem Titel „Gestohlenes Band (ORF)“ auf einer Platte seiner Band Einstürzende Neubauten. Am selben Tag genau 36 Jahre später gibt Gerald Fiebig das Band durch eine Sendung im ORF symbolisch an diesen zurück: Das nur 17 Sekunden lange Stück, von dem Bargeld behauptete, „das zentrale musikalische Element ist die Tatsache, dass es am 18. Februar 82 in Wien gestohlen wurde“, wird bei Fiebig zum einzigen Ausgangsmaterial eines 19-minütigen Radiostücks. „Gestohlenes Band (retourniert)“ oszilliert zwischen Remix und Neukomposition, zwischen Hommage und Parodie und wirft dabei Fragen nach dem Status von Autorenschaft, geistigem Eigentum und Medienwandel auf.

Gerald Fiebig’s next radio piece for ORF Kunstradio in Vienna will be an extended re-mix of „Gestohlenes Band (ORF)“. This 17-second snippet is part of the Einstürzende Neubauten album „Strategies Against Architecture“. The band claimed that „the main musical element is the fact that it was stolen in Vienna on 18 February 1982. On the very same day exactly 36 years later, Fiebig will be returning the tape to ORF symbollically by broadcasting on that very same station a 19-minute version of the Neubauten track that has been, as John Oswald would call it, „bettered by the borrower“. Homage or parody? Decide for yourself.