Das Tote Kapital & Gerald Fiebig

Johannes Engstler (Schlagzeug, Kontrabass und diverse andere Instrumente) und Markus Joppich (akustische Gitarre) sind seit den frühen 2000ern als Das Tote Kapital im Duo aktiv. Ihr extrem unterschiedlicher musikalischer Hintergrund – Joppich ist klassisch ausgebildeter Gitarrist und Komponist, Engstler ist Drummer der Hardcore-Punkband Robotnik, autodidaktischer Multiinstrumentalist und Betreiber des Analogstudios und DIY-Labels Motorische Endplatte – sorgt für einen Zugang zur freien Improvisation, der sich wirklich über Genregrenzen hinwegsetzt. Bei zwei Gelegenheiten hat sich Das Tote Kapital noch einen weiteren Verbündeten für seine ungewöhnliche Allianz eingeladen, nämlich den Radiokünstler und elektroakustischen Komponisten Gerald Fiebig. In beiden Fällen bildet spontane Live-Improvisation die eine kompositorische Strategie und Multitracking im Studio die andere.

Die erste dieser Kooperationen wurde 2016 im Lauf von drei Tagen in Engstlers Motorische Endplatte Studio aufgenommen und trägt den Titel “Man muss die Straße machen” (Track 6). Das gut 20-minütige Stück wurde 2019 vom Radiokunst-Sender Radiophrenia aus Glasgow als radiophone Komposition gesendet. Hier erscheint es erstmals auf Tonträger. Das Stück verbindet ganz unterschiedliche Zugänge zum Musikmachen in einer Art und Weise, wie sie vielleicht auch Luc Ferrari hätte praktizieren können: anekdotische Fieldrecordings von Fiebigs Reise zur Aufnahmesession und Klänge aus Engstlers Leben in dem umgebauten Bauernhof, der sein Motorische Endplatte Studio beherbergt (samt Traktor, Holzhacken und der Familie beim Hühnerfüttern) werden mit einer Trio-Improvisation überlagert.

Die anderen fünf viel kürzeren Stücke (Tracks 1 bis 5) wurden 2019 aufgenommen. Die Basis der fünf Stücke sind Studio-Improvisationen von Engstler und Fiebig, mit Fiebig am No-input-Mixer und Samples, Engstler dagegen an einer Vielzahl von akustischen Instrumenten vom Schlagzeug bis zum Hackbrett. Nachdem diese Improvisationen eingespielt waren, entschied Joppich, bei welchen sich sinnvollerweise noch seine ebenfalls improvisierten Gitarrenparts ergänzen ließen. Man könnte also sagen, dass alle Stücke auf diesem Album in Echtzeit entstanden sind und dann auch wieder nicht. Dieses Paradox passt ganz gut zu den unerwarteten und manchmal auch durchaus belustigenden Schnitten und Brüchen, die dieses Album durchziehen.

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Johannes Engstler (drums, double bass and various other instruments) and Markus Joppich (acoustic guitar) have been active as the duo Das Tote Kapital since the early 2000s. Their widely differing backgrounds as a classically trained guitarist and composer (Joppich) and drummer of hardcore punk outfit Robotnik, self-taught multi-instrumentalist, and owner of analogue studio and DIY label Motorische Endplatte (Engstler) make for a truly genre-defying approach to free improvisation. Adding another ally to their unusual coalition, they invited radio artist and electroacoustic composer Gerald Fiebig for two collaborations. In both cases, spontaneous live improvisation is one main compositional strategy while multitracking in the studio is the other.

The first of these collaboration, recorded at Engstler’s Motorische Endplatte studio over the course of three days in 2016, is “Man muss die Straße machen” (track 6). The 20-odd minute piece was broadcast as a radiophonic composition on Glasgow-based radio art station Radiophrenia in 2019. Here, it appears on fixed media for the first time. Combining anecdotal field recordings of Fiebig’s journey to the recording session and sounds of Engstler’s life in the converted farm house that’s home to Motorische Endplatte studio (complete with tractor, wood chopping, and the family feeding their chickens) with an overdubbed trio improvisation, this long-form piece blends rather different approaches to making music in a way Luc Ferrari might have done.

The other five, much shorter pieces (tracks 1 to 5), were recorded in 2019. The basis for the five pieces is formed by Engstler and Fiebig improvising in the studio, with Fiebig on no-input mixer and samples and Engstler on a great variety of acoustic instruments ranging from drums to dulcimer. With these improvisations recorded, Joppich decided which ones to add to and overdubbed his equally improvised guitar parts. So one could say that all the pieces on this release simultaneously were and weren’t created in real time – a paradox that befits the unexpected, and at times humourous, cuts and clashes found on this album.

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