fiction circuit (LP)

by ARTIFICIAL MEMORY TRACE / GERALD FIEBIG / EMERGE / PBK

Artificial Memory Trace aka Slavek Kwi and PBK aka Phillip B. Klingler have been pillars of the global DIY experimental music culture for decades. Both of them have released work on attenuation circuit before. Here, they team up with label owner EMERGE aka Sascha Stadlmeier and his colleague Gerald Fiebig. Each one of the four artists contributes one track of about 10 minutes to the album. But while the four-way split LP is a common format in the global sound culture scene, “fiction circuit” is more than just a compilation.

All of the artists on this album share a love of creating electroacoustic music from field recordings or found sounds. Therefore, label manager Stadlmeier invited Artificial Memory Trace (AMT) and PBK to supply source sounds from their archives. These were then used as the basis for the compositions. Leaving the source material identifiable was not the task – it was to be used as raw material to be sculpted, very much in the spirit of acousmatic musique concrète. On the AMT side, we find the tracks by PBK and Gerald Fiebig. They both used AMT’s source material to create their tracks. PBK delivers a dense, rather rhythmic track with a decidedly “industrial” feel. Fiebig’s track, on the contrary, uses the front cover artwork – a digital collage by EMERGE of visual works by Kwi and Klingler, with other works by them reproduced on the lavishly printed LP insert – as a graphic score for realising a rather harmonic ambient piece. On the PBK side, Artificial Memory Trace and EMERGE “play” the source sounds supplied by PBK. The piece by Artificial Memory Trace qualifies as exuberant rhythm noise, while EMERGE goes all the way into rather meditative laminar lower-case drone minimalism. Therefore, regardless of which side of the record one plays first (“AMT” and “PBK” are engraved on the vinyl itself to guide the listener), one will experience, thoroughout the whole album, a change between very different sonic textures and temperaments that showcase the wide range of expressive possibilities of electroacoustic music. This is not the product of good luck, but of planned collective composition: AMT and PBK, as the “guests” on the label, were invited to create whatever they liked without any formal restrictions. As it turned out, both of their works were rather intense and direct in character. Therefore, EMERGE and Fiebig both made an effort to complement each side with a more subdued, quiet piece.

File under: Electroacoustic music, musique concrète

Glitchworks

The album could be considered an exercise in musical upcycling (or a punk version of the Oval approach). Different glitches from various defective CDs were recorded onto the tracks of a four-track cassette recorder. All pieces on this album were created by mixing down the tracks in different ways. The only sound effects used (in real-time during the mix) were the pan, treble, mid, and bass controls of the tape recorder.

Cover art: Tine Klink

23 Minutes for Recorder and Recorder

festival_2018_-plakat

„23 Minutes for Recorder and Recorder“
von Elisabeth Haselberger und Gerald Fiebig
sind eine Version eines Stücks aus ihrem Zyklus „Recordari“.

https://recorderrecorder.wordpress.com/

„23 Minutes for Recorder and Recorder“ erarbeiten Haselberger und Fiebig auf der Basis von „Recordari #1“. Wir reisen von unterschiedlichen Orten (Ulm und Augsburg) zur Aufführung in München an. Daher sind die Klänge auf dem Weg zur Aufführung für uns Teil der „äußeren Umgebung des Aufführungsorts“. Elisabeth Haselberger berichtet auf akustische Weise über ihre Anreise von Ulm nach München – was nicht nur die quasi programmmusikalische Abbildung von Umweltgeräuschen meint. Die „Reise“ zur Aufführung kann auch interpretiert werden als der geistige und instrumentaltechnische Vorbereitungsprozess – sodass alles, was auf der Bühne erklingt, ein „Ergebnisbericht“ über diese Reise ist.

Gerald Fiebig hat mit seinem Recorder eine lange Aufnahme (1 Stunde 20 Minuten) seiner Zugfahrt von Augsburg nach München gemacht und eine kurze (ca. 3 Minuten), wie er in München von der U-Bahn-Station zu seinem Zielort läuft. Jede dieser Aufnahmen wurde auf genau 23 Minuten gestaucht bzw. gedehnt. Diese beiden Varianten vom Recorder relativierter Zeit dienen ihm als Instrumentarium.

Die Beschäftigung mit Textpartituren wie dieser wirft auch Fragen nach dem Wert von musikalischer Zeit als Arbeitszeit auf. Wie viel Zeit muss investiert werden, um aus der Partitur eine gelingende Aufführung zu machen? Diese Frage stellt sich selbstverständlich bei jeder Partitur: jedes Stück muss ja analysiert und dann geprobt werden. Die Frage verschärft sich allerdings nochmals bei Partituren, die sehr viel Kompositionsaufwand vom „offiziellen“ Komponisten an den Interpreten oder die Interpretin delegieren. Bei vielen „inderminierten“ Stücken oder „Number Pieces“ von John Cage ist es z.B. realistisch anzunehmen, dass sie viel schneller geschrieben wurden, als die Vorbereitung für eine Aufführung dauert. Allzu häufig schlägt sich das nicht in einer angemessenen Würdigung der Interpret*innen nieder. Das bezieht sich nicht nur auf deren Honorierung. Es geht auch um die Frage: Wer kann hier eigentlich mit Recht in Anspruch nehmen, der Komponist oder die Komponistin zu sein? Mit der Münchner Aufführung von „23 Minutes for Recorder and Recorder“ sind wir in der glücklichen Lage, als Composer-Performer beide Rollen verbinden zu können. Das Konzept von „Recordari“ bietet seinen Interpret*innen (die wir ausdrücklich als Ko-Komponist*innen sehen und die als solche auch immer genannt werden sollen) aber bewusst sehr breite Auslegungsmöglichkeiten, wie eine Aufführung vorzubereiten ist. Man kann die Texte von „Recordari“ als Grundlage für eine gelenkte Improvisation ohne jede weitere Vorbereitung verwenden oder nach ihrer Vorgabe komplexe ausnotierte Kompositionen erstellen.

Welche Variante sie wählen ­ also eben auch: wie viel Zeit sie in die Erarbeitung einer bestimmten Menge musikalischer Zeit investieren – können die künftigen Verwender*innen von „Recordari“ auch davon abhängig machen, mit welchen finanziellen Rahmenbedingungen sie für diese musikalische Zeit wirtschaften müssen.

Recorder? Recorder! (Konzert mit Elisabeth Haselberger)

haselberger

Samstag, 15. September 2018, 19:00 Uhr – Aegis Literatur Buchhandlung, Ulm

Elisabeth Haselberger: Blockflöten & Recorder
Gerald Fiebig: Recorder & Elektronik

Gerald Fiebig/Elisabeth Haselberger
Recordari #2 for Recorder and Recorder (2018, UA)
Spielanweisung: „Benutzen Sie einen recorder, um ein konkretes politisches Ereignis akustisch wiederzugeben, bei dem Sie anwesend waren, z.B. eine Demonstration […] Benutzen Sie einen recorder, um Ihre Haltung bzgl. der Situation oder der dort formulierten Ansichten auszudrücken.“
Aufnahme: Gerald Fiebig (Demonstration gegen neues bayerisches Polizeiaufgabengesetz, Marienplatz, München, 10. Mai 2018).
Die Vorbereitung der Uraufführung von „Recordari #2“ wurde ermöglicht durch einen Arbeitsaufenthalt im Kunstort ELEVEN Artspace, Starzach-Börstingen.

Gerald Fiebig/Elisabeth Haselberger
Recordari #1 for Recorder and Recorder (2018, UA)
Teil 1 bis 3
Spielanweisung: „Benutzen Sie einen recorder, um die akustische Umgebung des Aufführungsortes an den Aufführungsort zu versetzen. Benutzen Sie bei der Aufführungen einen recorder, um Ihren Weg zum Aufführungsort (ganz oder teilweise) auf akustische Weise nachzuerzählen.“
Aufnahme: Elisabeth Haselberger (Vor der Buchhandlung Aegis, Ulm, 31. Juli 2018, mittags)

Gerald Fiebig/Elisabeth Haselberger
Aegis für Blockflöte und Elektronik (2018, UA)
Speziell für das Konzert in der Aegis Literatur Buchhandlung wurde dieses Stück entwickelt. Eine Aufnahme von Geräuschen rund um die Buchhandlung wird elektronisch so bearbeitet, dass sie Grundlage eines Stücks in den Tonarten A, E, Gis wird und somit auf musikalische Art den Namen des Spielorts buchstabiert.

„Recordari“ ist das lateinische Wort für „sich erinnern“. Daraus hat sich sowohl unser Begriff „Recorder“ für ein elektronisches Aufnahmegerät entwickelt als auch das englische Wort für die Blockflöte – sie heißt dort auch „recorder“. In ihrer ersten gemeinsamen Komposition „Recordari“ spielen die Blockflötistin Elisabeth Haselberger und der Audiokünstler Gerald Fiebig mit dieser Doppeldeutigkeit: Die Anweisungen, die die Partitur stellt, können auf unterschiedliche Weisen mit dem einen und dem anderen „recorder“ erfüllt werden. Einerseits kommen diverse elektronische Geräte infrage, solange sie eine Aufnahmefunktion haben. Andererseits ist klar, dass nur eine Blockflöte (und nicht irgendeine andere Art von Flöte) eingesetzt werden kann – denn nur diese heißt eben „recorder“ und nicht „flute“.

 

ELEVEN minutes

Group exhibition „onAiR2“ by artists in residence at ELEVEN artspace,
Kunst in der Glashalle im Landratsamt Tübingen, Wilhelm-Keil-Str. 50, 72072 Tübingen
6 to 31 August 2018, Mo – Fr, 8.00 – 18.00

#kunstortelevenartspace

 

ELEVEN minutes“ (audio loop, 11’00“)

One day during my 2018 residency at ELEVEN artspace, in the hour between eleven a.m. and noon, I recorded eleven minutes of ambience in the patio of the artspace (then very quiet because all the resident artists were probably at work). These eleven minutes of near silence are the basis for „ELEVEN minutes“. For the installation, they were processed in various ways, among others with a filter effect employing the note E (for ELEVEN) and the frequency of 600 Hz (6 being the number of letters in ELEVEN). This rich sonic texture created out of silence is my homage to the way in which the tranquil atmosphere of ELEVEN artspace has enabled me to focus on new works.

ELEVEN minutes“ (Audio-Loop, 11’00“)

Das Konzept dieses Stücks spielt mit der englischen Bedeutung des Wortes ELEVEN: der Zahl 11. An einem Tag während meines Aufenthalts im Kunsort ELEVEN 2018 nahm ich in der Stunde zwischen 11:00 Uhr und Mittag 11 Minuten lang die Umgebungsklänge im Innenhof des Kunstorts auf. Es war ziemlich still, da wohl alle Künstler*innen bei der Arbeit waren. Diese 11 Minuten fast völliger Stille sind die Basis von „ELEVEN minutes“. Für die Installation wurden sie auf verschiedene Arten bearbeitet, u.a. mit einem Filtereffekt auf der Basis der Note E (wie ELEVEN) und der Frequenz 600 Hz (weil ELEVEN 6 Buchstaben hat). Diese aus Stille gemachten, aber doch vielschichtigen Klangflächen sind meine Hommage an die ruhige Atmosphäre des Kunstorts ELEVEN, die mir die intensive Konzentration auf neue Arbeiten ermöglicht hat.